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In der Schweiz werden die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche derzeit von der Krankenkasse übernommen. Die Initiative „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“ will das nun ändern. Abgestimmt wird am 9. Februar, Infos gibt es hier, in der Tagesschau kommen die Gegnerinnen der Initiative zu Wort.

In Spanien steht eine Verschärfung der Abtreibungsgesetze bevor. In einer Umfrage haben sich 73 Prozent der Bevölkerung gegen diese Reform ausgesprochen. Eine Petition dagegen könnt ihr hier unterschreiben.

Die Sugarbox-Blogger_innen haben ihre liebsten queer-feministischen Momente 2013 zusammengestellt. Einen ausführlichen Debatten-Rückblick auf das Jahr 2013 in zwei Teilen gibt es bei der Mädchenmannschaft.

Von vorgestern: Procter & Gamble hat im vergangen Jahr die Kampagne „Danke Mama“ gestartet – berühmte Sportler_innen danken ihren Müttern, die „einen Olympioniken großgezogen“ haben. „Hinter jedem Athleten steht eine großartige Mutter“, schreibt der Konzern. Mit dem Kauf von Waschmittel und Zahnpasta kann jetzt also für den Nachwuchssport gespendet werden. In den Online-Werbebannern wird unter anderem darauf hingewiesen, dass auch die Wäsche von Olympia-Größen geschwaschen werden muss. #Facepalm

„Das Jahrhundertjubiläum zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014 wird ein Spektakel an Veranstaltungen rund um die Welt. Nur Österreichs Bundesregierung hinkt nach“, ist im Profil zu lesen.

Der Verein „Autonome Österreichische Frauenhäuser“ hat eine Kampagne gestartet, um auf die Ratifizierung der Istanbulkonvention gegen Gewalt an Frauen hinzuweisen: Ichunterstütze.org.

Feministische Ökonomie ist seit einiger Zeit mein Schwerpunkt-Thema und sollte ja wie ich finde Teil jeder feministisch-politischen Überlegung sein. Deshalb haben wir diesmal den feministischen Lesekreis beim Verein Genderraum der feministischen Ökonomie gewidmet. Am 21. Jänner um 19 Uhr findet in der Buchhandlung ChickLit im 1. Bezirk in Wien die Abschlussdiskussion statt, über Handlungsmöglichkeiten in der Praxis diskutieren die feministischen Ökonominnen Käthe Knittler und Isabella Scheibmayr und die parlamentarische Mitarbeiterin Heike Fleischmann, Katharina Serles übernimmt die Moderation. Anschließend warten Wein und Brötchen und hoffentlich viele anregende Gespräche auf euch! Ich würde mich sehr über viele Besucherinnen und Besucher freuen.

Das nächste Netzfeministische Bier Wien findet am 15. Jänner um 19.30 Uhr statt.

Frauen an technischen Universitäten – Role Models verzweifelt gesucht

Dieses Interview mit Brigitte Ratzer, Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies der TU Wien, ist in der Oktober-Ausgabe der an.schläge erschienen.

Der Frauenförderungsplan der Technischen Universität Wien verfolgt u.a. das Ziel, den Frauenanteil in den Studienrichtungen, in denen diese unterrepräsentiert sind, zu erhöhen. Um das zu erreichen, setzen die Maßnahmen bereits in der Schule bei den Mädchen an. An welche Altersgruppen richten Sie sich?

Die Maßnahmen, die wir setzen, greifen ab zehn Jahren, wir bieten Sommerworkshops für die Zielgruppen 10 bis 14 und 15 bis 17 an. Wir adressieren auch Maturantinnen direkt, zum Beispiel im Rahmen von „FIT – Frauen in die Technik“. Grundsätzlich ist aber zu all diesen Maßnahmen zu sagen: Es handelt sich hierbei um ein Instrument, das bei ein paar Wenigen ein bisschen was bewirken kann – aber es kann mit Sicherheit nicht das Problem lösen. Die Botschaft, dass Burschen technisch begabt sind und Mädchen nicht – und Frauen erst recht nicht –, empfangen Menschen, seit sie auf der Welt sind, und zwar tagtäglich. Ganz offen oder subtil, über die Massenmedien und über alltägliche Beobachtungen im Umfeld. Wir setzen im Rahmen der Frauen- und Mädchenförderung lediglich punktuelle Gegenerfahrungen. Wir zeigen Role Models und ermöglichen die Erfahrung, „aha, das kann ich auch“ oder „das macht Spaß, das interessiert mich“. Es ist ein Reagieren auf gesellschaftliche Umstände, die sich als solche ändern müssen, damit sich wirklich nachhaltig etwas tut.

Liegt es also an den gesellschaftlichen Umständen, dass sich trotz verschiedener Förderprogramme in Österreich sehr wenig getan hat? Die Technischen Universitäten sind nach wie vor männlich dominiert.

Ich sehe zwei Gründe: Einerseits die Dauerbotschaft, dass Mädchen und Technik nichts miteinander zu tun haben würden. Andererseits handelt es sich zugleich aber auch um eine Entscheidung der Mädchen gegen die Technik. Dieses Nichtinteresse an Technik bei Mädchen und Frauen, wie es sich jetzt darstellt, bedeutet ja auch: Das will ich so nicht. Schließlich handelt es sich um ein von Männern für Männer veranstaltetes Unternehmen, angefangen von der Art und Weise, wie wir uns mit Technik auseinandersetzen bis hin zu den Produkten, die wir erzeugen – das alles hat einen entsprechenden Bias. Wir sind zum Beispiel an der TU Wien Weltmeister im Roboterfußball, wir haben ein „TU Racing Car“. Man sieht also schon an den Artefakten, die wir prominent nach außen stellen, welche Handschrift das trägt. Natürlich passieren auch andere Dinge bei uns im Haus, aber die Gewichtung und die Sichtbarkeit sagen viel aus. Man kann nicht einfach sagen, „Okay, offensichtlich interessiert das Mädchen oder junge Frauen wesentlich weniger als Männer, was wir hier zu bieten haben.“ Man muss den Schritt machen, zu sagen, es liegt nicht nur an den Mädchen, es liegt auch an der Technik.

An der TU Wien ist das Geschlechterverhältnis in den Studienrichtungen Technische Chemie und Technische Mathematik aktuell viel ausgeglichener als etwa in den Fächern Maschinenbau und Elektrotechnik. Woran liegt das?

An den Zuschreibungen. Erstens haben Sie in den Studienrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik viele Studierende, die aus der HTL kommen, und dort sind ja auch überwiegend Burschen zu finden. Zusätzlich gibt es in den Schulen eine Hierarchisierung, die sich bis zu uns an der Universität fortpflanzt. Chemie ist da eine weichere Angelegenheit, es werden sogar Scherze gemacht, dass Chemie etwas mit Kochen zu tun hat. Auch Mathematik hat bei den Frauen mehr Tradition, und es einfacher, draufzukommen, dass man gut in Mathematik ist. Dann folgt bei uns schon relativ weit abgeschlagen die Physik. In der Technischen Chemie haben wir rund vierzig Prozent Frauenanteil, in der Technischen Mathematik sind es über dreißig Prozent, die Technische Physik hat siebzehn. Maschinenbau und Elektrotechnik haben knappe zehn Prozent Frauenanteil, ein Phänomen, das uns seit vielen Jahren konstant begleitet. Außerdem hat sich bei genauerer Betrachtung innerhalb des Frauenanteils einiges verschoben: Zwischen 35 und vierzig Prozent haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, zwei Drittel davon kommen aus dem Nicht-EU-Ausland. Würden sie nur die ÖsterreicherInnen vergleichen, würde es mit dem Geschlechterverhältnis noch schlechter aussehen.

Was ist das Spezifische an der österreichischen Situation? Warum sind in einigen ost- und südeuropäischen Ländern und in Skandinavien wesentlich mehr Frauen in technischen Studienrichtungen zu finden?

Es ist das sehr konservative Frauenbild in Österreich, würde ich sagen. Im internationalen Vergleich ist der deutschsprachige Gürtel, also Österreich, Deutschland und die Schweiz, das absolute Schlusslicht in der Statistik. Das hat offensichtlich mit großräumigen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Geschlechterformationen zu tun, aber zum Teil auch mit dem Prestige, das diese Fächer haben. In Spanien und Portugal studieren etwa wesentlich mehr Frauen ingenieurwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Fächer, diese besitzen dort einfach kein Prestige. Es ist nicht ganz so, also würde man bei uns Literaturwissenschaft studieren, aber es ist ähnlich. Auch in den arabischen Staaten gibt es einen überproportional hohen Frauenanteil in den technischen Fächern, die dort ebenfalls überhaupt kein Prestige haben.

Mädchenförderprogramme arbeiten zum Teil mit Geschlechterstereotypen, um Mädchen „in ihrer Lebenswelt abzuholen“. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Das ist eine schwierige Angelegenheit. Die Strategien, um eine Zielgruppe anzusprechen, sollten so vielfältig sein wie die Zielgruppe, die man damit erreichen will. Die Gefahr, Stereotype weiter zu verstärken, besteht immer, wenn wir auf sie zurückgreifen. Es gab ja vor Kurzem die Kampagne der Europäischen Kommission „Science, it’s a girl thing“, die fand ich furchtbar. Ich beobachte aber, dass diese extrem stereotypen Zugänge abnehmen und sich langsam dahingehend ein Diversitätsverständnis durchsetzt, dass eben nicht alle gleich sind und die Rosa-Fraktion nur ein kleiner Teil ist.

Frauen stellen ein wichtiges Potenzial für die Wirtschaft dar – das ist in vielen Broschüren zu „Frauen in die Technik“ zu lesen. Inwiefern stehen wirtschaftliche Interessen hinter den Förderprogrammen?

Im Moment zu 99 Prozent, würde ich sagen. Es ist ja sehr spannend, dass man es jahrzehntelang mit dem Gerechtigkeitsargument versucht hat und damit nicht vom Fleck gekommen ist. Dann kam auf einmal die Geschichte mit dem Fachkräftemangel und den fehlenden Frauen. Im nächsten Schritt hieß es dann, was unserer Wirtschaft denn alles verloren ginge und wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit leiden würde, wenn nicht genügend Frauen da sind. Das mag zum Teil schon stimmen. Auf jeden Fall ist es aber das Argument, das dazu führt, dass man Geld in die Hand nimmt und Initiativen startet.

Derzeit gibt es viele europäische KollegInnen, die versuchen, ein drittes Argument zu lancieren: jenes der Qualität. Also dass Technik besser wird, im Sinne von brauchbarer und nützlicher für mehr Menschen. Ich verwende es, weil ich verstanden habe, dass man über Gerechtigkeit nicht reden kann, und weil ich das Wirtschaftsargument nicht mag. Und ich komme nicht umhin zu beobachten, dass auch feministisch gesinnte Kolleginnen sehr heftig Gebrauch machen vom Argument des liegengebliebenen Potenzials für die Wirtschaft, weil man damit Gelder lukrieren kann. Das halte ich persönlich für eine gefährliche Liaison. Es gibt da einen sehr guten Aufsatz von der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser, die diese unglückliche Verquickung von Feminismus und Kapitalismus analysiert.

Wie erleben Sie die Strukturen an der TU Wien – stoßen Sie in Ihrer Funktion als Leiterin der Frauenförderungsstelle auf Widerstand?

In der Zeit bis zum Rektoratswechsel vor zwei Jahren gab es eine respektvolle Duldung meines Engagements. Verständnis für Inhalte war aber nicht unbedingt da, es war mehr so, „die Frauen sollen etwas in ihrer Ecke des Hofes machen und Kurse und Mentoring anbieten“, was strukturell aber natürlich nichts bewirkt. Mit dem neuen Rektorat hat sich dann doch etwas geändert, es wurde eine Vizerektorin geholt, die viel vom Thema Frauenförderung versteht und sich auch tatsächlich dafür einsetzt. Das heißt zwar nicht, dass viele der älteren und jüngeren Herren im Haus nun Feministen wären, es wird eher versucht, das Thema großflächig zu ignorieren. Viele wissen gerade einmal, dass meine Stelle existiert. Aber es wird besser. Und meine Arbeit ist unglaublich spannend.

Brigitte Ratzer hat Technische Chemie studiert und ist seit 2005 Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies der TU Wien.

Ada Lovelace Day – Wer war Marietta Blau?

Der Name Marietta Blau ist euch vielleicht schon einmal an der Hauptuniversität Wien untergekommen: Dort ist ein (enger, finsterer) Seminarraum nach ihr benannt, der „Marietta-Blau-Saal“. Die österreichische Physikerin (1894-1970) hätte sich (zu Lebzeiten) eine andere Form der Anerkennung verdient.

„Marietta Blau ist die tragischste Gestalt in der Geschichte rund um die Kosmische Strahlung. Ihr Leben und ihre Arbeit waren von Widrigkeiten und Rückschlägen geprägt, und doch übertreffen ihre Leistungen und die Ergebnisse ihrer Arbeit die vieler anderer, die im Zusammenhang mit der Kosmischen Strahlung einen Nobelpreis erhielten.“ (Quelle)

Blau studierte Physik und Mathematik an der Universität Wien und promovierte 1919. Zunächst arbeitete sie in Berlin und Frankfurt im Bereich der Röntgenologie, kehrte 1923 jedoch nach Wien zurück, da ihre Mutter schwer erkrankte. Bis 1938 forschte sie am Physikalischen Institut und am Institut für Radiumforschung, ein Semester verbrachte sie bei Marie Curie in Paris. Zurück in Wien arbeitete sie unbezahlt am Institut und war auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Als sie um eine Anstellung ansuchte, erhielt sie folgende Antwort: „You know, you are a woman and a Jew, and the two together are simply too much.“ (Quelle)

In Wien beschäftigte sich Marietta Blau hauptsächlich mit der photographischen Methode zum Nachweis einzelner Teilchen. Gemeinsam mit ihrer Schülerin Herta Wambacher, mit der sie als Höhepunkt ihrer gemeinsamen Arbeit die „Zertrümmerungssterne“ in kosmischer Strahlung ausgesetzter photographischer Emulsion entdeckte, erhielt Marietta Blau 1937 den Ignaz-L.-Lieben-Preis im Wert von 1.000 Schilling.

1938 musste Blau emigrieren und forschte und arbeitete in Oslo, Mexiko-Stadt und später in den USA. Zurück in Österreich arbeitete sie abermals unbezahlt am Wiener Radiuminstitut. Sie leitete unter anderem eine Arbeitsgruppe, die photographische Aufnahmen von Teilchenbahnspuren von Experimenten am CERN analysierte. Zweimal wurde Marietta Blau (von Erwin Schrödinger und Hans Thirring) für den Nobelpreis vorgeschlagen, 1950 erhielt ihn jedoch der britische Physiker Cecil Powell, der sich auf die Pionier_innenarbeit von Blau gestützt hatte. 1962 wurde ihr der Erwin-Schrödinger-Preis verliehen, eine Aufnahme in die Österreichische Akademie der Wissenschaften blieb jedoch aus.

1970 starb Marietta Blau an Krebs, vermutlich aufgrund des jahrelangen ungeschützten Arbeitens mit radioaktiven Substanzen.

Link: Ausführliche Informationen zu Marietta Blau

„Feminismus kann niemals Lifestyle sein“

Dieses Interview mit der feministischen Ökonomin Gabriele Michalitsch ist in der September-Ausgabe der an.schläge erschienen. 

Heute ist oft von einem „neuen Feminismus“ die Rede, der die „alte“ Frauenbewegung überwunden habe. Was verbinden Sie mit dem Begriff des „neuen Feminismus“?

Was soll denn ein „neuer“ Feminismus sein?

Etwa ein Feminismus, der behauptet, mit statt gegen Männer zu arbeiten, der Individualismus und Lifestyle-Fragen betont.

Feminismus kann niemals Lifestyle sein, Feminismus ist immer politisch. Wenn die Medien eine solche Diskussion befeuern, ist das eine Form von Antifeminismus und der Versuch, den Begriff Feminismus zu vereinnahmen, ihm seine politische Relevanz abzusprechen. Feminismus war zudem nie männerfeindlich, er wurde immer auch von Männern mitgetragen. Wenn, dann wendet er sich gegen bestimmte Konzeptionen von Männlichkeit – wie auch Weiblichkeit. Wäre dieser angeblich neue Feminismus nicht Gegenstand öffentlicher Debatten, müssten wir uns erst gar nicht damit auseinandersetzen – in meinen Augen ist das eine antifeministische Strategie.

Mitunter bezeichnen sich auch konservative Politikerinnen als Feministinnen, die thematisch auf Karriereförderung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzen.

Wenn man trotz Kindern Karriere macht, ist das Feminismus?

Diese Frauen verwenden zumindest den Feminismus-Begriff und füllen ihn mit neuen Inhalten. Da stellt sich die Frage: Brauchen wir einen neuen Begriff, um ihn von solchen Definitionen abzugrenzen?

Nein, vielmehr müssen wir ihn verteidigen gegen solche Aushöhlungsversuche. Wenn Feminismus auf Karriere mit Kindern reduziert wird, ist das das Ende des Feminismus.

Schon seit längerem kritisieren feministische Stimmen, dass die Analyse sozialer und ökonomischer Verhältnisse zugunsten Fragen von Identität und Repräsentation verdrängt wurde. Was steckt hinter dieser Entwicklung?

Ja, das war in den vergangenen Jahrzehnten sicher der Fall. Es hat in den Geistes- und Sozialwissenschaften den „cultural“ bzw. den „linguistic turn“ gegeben. Das hat sich auch im Kontext feministischer Wissenschaften artikuliert, das hat natürlich mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun und spiegelt die politischen Konjunkturen des Denkens wider. Ich meine aber, dass zurzeit die kritische Analyse eine starke Re-Ökonomisierung erfährt. Angesichts der Krise hat es hier doch eine deutliche Diskursverschiebung gegeben.

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Politisch korrekt

Gerade habe ich mir den Ö1-Beitrag über Political Correctness angehört. Florian Klenk (Falter), Birgit Sauer (Uni Wien) und andere erklären darin ihre Positionen zur ungeliebten Korrektheit. Ich will jetzt gar nicht zu weit ausholen, aber drei Punkte ärgern mich ganz besonders an diesem Beitrag.

1. Da wird ziemlich viel in einen Topf geworfen. Ja, es ist sehr interessant, darüber zu diskutieren, inwieweit bestimmte Politikformen individualisiert werden, wie viel neoliberale Ideologie in Feminismen steckt und ob Frauenpolitik nicht häufig elitäre Interessen vertritt. Und ja, wie überall gibt es auch unter Linken und unter Feminist*innen Menschen, deren Botschaften nicht mit ihren Handlungen übereinstimmen. Aber nachdem ich diesen Beitrag gehört habe, bleibt der Eindruck zurück, dass Menschen, die rassistische/sexistische Sprache nicht verwenden (weil sie rassistisch/beleidigend/abwertend ist…), scheinheilig sind. Das stimmt einfach nicht.

2. Die Unmarkierten bleiben so gerne unmarkiert. „Man“ darf nicht einmal mehr das und das sagen, ist so oft (nicht nur im Beitrag) zu hören. Hinter dem „man“ stehen aber konkrete Personen und Personen, die sich dazu in den Medien äußern (können), sind meist mehrfach privilegiert. Wenn Florian Klenk davon erzählt, dass er gerne mehr Reportagen seiner „Kollegen“ darüber lesen möchte, wie es „den Chinesen“ in Wien geht, so wie das die großen Journalisten vergangener Tage getan haben, so müsste doch noch einmal darauf hingewiesen werden, dass eben die großen weißen Männer da oben über die da unten berichtet haben und berichten. „Minderheiten“ (zu denen gerne auch mal Frauen gezählt werden) und „Diskriminierte“ werden benannt, die sprechenden Personen thematisieren ihre Position aber häufig nicht. Man ist man. Wenn „Wiener Eltern“ über das schlechte Schulsystem in Wien besorgt sind und ihre Kinder deshalb in teure Privatschulen schicken, sind das nicht „Wiener Eltern“, sondern Wiener Eltern, die über entsprechendes finanzielles Kapital verfügen. Wenn das aber einfach die „Wiener Eltern“ sind und „man“ (also Menschen, die nicht von Diskriminierungen betroffen sind), wird immer wieder etwas als Norm gesetzt, das nur einen kleinen Ausschnitt der Bevölkerung abbildet – alle anderen werden aus diesem „man“ ausgeschlossen. Dieser Umstand kann Journalist_innen und politisch interessierten Menschen egal sein. Aber sie sollten nicht so tun, als würde er nicht existieren.

3. Warum kann „politisch korrekte“ Sprache nicht einmal in Qualitätsmedien sachlich thematisiert werden? „Die Frage, wie eine nicht-diskriminierende Sprache, die alle miteinbezieht, aussehen soll, führt oft zu seltsamen Diskussionen. So ist das beliebte Binnen-I (z. B. die KonsumentInnen) mittlerweile bereits umstritten, weil es von der Existenz zweier klar bestimmter Geschlechter ausgeht, nämlich Mann und Frau. Da werden doch jene ausgegrenzt, die sich nicht zu einem Geschlecht bekennen wollen, so die Kritik. Und deshalb lautet die aktuelle politisch korrekte Schreibweise: Konsument_innen“, ist da auf der Website von Ö1 zu lesen. Ja, so hat der Journalist die Lacher (einer bestimmten Zielgruppe) auf seiner Seite. Diese Feministinnen, was denen alles einfällt! Sich die wissenschaftliche Argumentation dahinter anzusehen und dann sachlich zu argumentieren, warum die Gender-Gap-Schreibweise nicht zielführend ist – wäre das zu viel Aufwand? Aber das Problem ist ja, dass die politisch korrekten Menschen nur moralisieren und dabei so wenig sachlich sind.

 

Queer-feministische Förderung

Vertreterinnen* der ÖH der Uni Wien haben mich letztens gebeten, euch darauf hinzuweisen, dass es mit dem „Topf zur Förderung feministischer/queerer Nachwuchswissenschafter*innen“ eine tolle Möglichkeit gibt, eine Förderung für eure Abschlussarbeiten zu bekommen. Gefördert werden hauptsächlich queere/feministische wissenschaftliche Arbeiten und vereinzelt auch andere Projekte (z.B. wissenschaftliche/künstlerische Aktionen). Der höchstmögliche Förderbetrag ist 1.500 Euro, das Geld kann als Kostenersatz oder als Stipendium beantragt werden. Wichtig ist ein klar erkennbarer queerer/feministischer Fokus, die genauen Richtlinien könnt ihr hier nachlesen. Der Fördertopf ist außerdem nicht kompetitiv angelegt, d.h. es sollen möglichst viele Studierende unterstützt werden.

Die fertigen Arbeiten können dann auf der Website der ÖH Uni Wien veröffentlicht werden (hier seht ihr einige Beispiele), außerdem besteht nach wie vor die Möglichkeit, eure Ergebnisse auf der Denkwerkstatt vorzustellen!

Jungen als Bildungsverlierer?

Sozialarbeiter und Psychoanalytiker Michael M. Kurzmann arbeitet im Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark und veranstaltet im Frühling gemeinsam mit zwei Kolleg_innen eine kostenlose Fortbildungsreihe zum Thema Jungen als Bildungsverlierer. Ich habe ihn vorab gefragt, ob Jungen in der Schule denn wirklich männliche Vorbilder brauchen und was kritische Burschenarbeit eigentlich ausmacht.

Burschen werden in der Schule benachteiligt – diese These wird wiederholt in den Medien diskutiert. Ist die Behauptung aus deiner Sicht empirisch haltbar?

Der pauschalisierende Diskurs über Buben als Bildungsverlierer ist empirisch nicht haltbar und blendet zudem wesentliche soziale Problematiken aus. Grundsätzlich ist festzustellen, dass Burschen und Mädchen besser ausgebildet sind als je zuvor. Für Österreich zeigen die PISA-Daten, dass Mädchen bessere Lesekompetenzen aufweisen und im höheren Ausmaß eine maturaführende Schule besuchen. Burschen erzielen höhere Testleistungen in Mathematik. Die Ergebnisse verdeutlichen vor allem aber den zentralen Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes auf die Lernergebnisse. Die Annahme, dass ein höherer Anteil an weiblichen Lehrkräften sich nachteilig auf die Lernergebnisse von Burschen auswirkt, wurde zuletzt im Zuge der österreichischen PISA-Zusatzanalysen von Leitgöb u. a. empirisch widerlegt.

Auf gesamteuropäischer Ebene zeigen sich mehrheitlich ein leichter Anstieg oder gleichbleibende Zahlen für Männer in einer höheren Sekundarausbildung, wobei vor allem Männer mit Migrationshintergrund eine geringere Beteiligung aufweisen. Die Zahl der männlichen Schulabbrecher ist in den letzten zehn Jahren leicht gesunken, es besteht aber immer noch ein markanter Unterschied zwischen Mädchen und Burschen: im Jahr 2010 wurden in der EU 16% aller jungen Männer im Alter von 18 und 24 als Schulabbrecher verzeichnet, im Vergleich zu 12,2% der jungen Frauen. Die Anzahl der Schulabbrecherinnen und Schulabbrecher mit Migrationshintergrund ist dabei deutlich höher als die jener ohne Migrationshintergrund (in Österreich etwa viermal so hoch!). (Eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser EU-Studie finden Sie hier)

Die Frage muss also richtigerweise lauten: Welche Burschen (und Mädchen) haben Schwierigkeiten? Am ehesten sind es junge Männer aus bildungsfernen Familien, die wenig Ermutigung zur schulischen Bildung erhalten sowie Burschen mit Rassismus-Erfahrungen. Darüber hinaus ist es nicht ausreichend, Benachteiligungen nur anhand des unterschiedlichen Erwerbs von formellen Schulabschlüssen zu bestimmen. Mädchen gelingt es nach wie vor nicht, ihre scheinbar besseren Voraussetzungen in Form von Bildungstiteln in entsprechende berufliche Karrieren umzusetzen. Geringe Investitionen oder Erträge mancher Burschen in Bezug auf kulturelles Kapital können durch informelle Bildung oder den Erwerb von sozialem Kapital, z. B. Beziehungen und Netzwerke, ausgeglichen werden.

Brauchen Burschen männliche Vorbilder in Schulen und Kindergärten?

Burschen brauchen Pädagog_innen, die einen reflexiven Umgang mit Geschlechterfragen zeigen, binäre Geschlechterzuschreibungen aufbrechen und Burschen solidarisch-kritisch dabei begleiten, widersprüchliche Anforderungen zu bewältigen. Qualitative Analysen belegen, dass Buben/Burschen in der Schule vor der Anforderung stehen, sowohl Schüler als auch männlich zu sein. Das heißt: Die Orientierung an bestimmten Männlichkeitsvorstellungen und der männlichen Peer-Group geraten in einen Konflikt mit schulischen Regeln und Lernanforderungen. Diesen Widerspruch löst ein Teil der Burschen in Richtung der Geschlechterinszenierung und auf Kosten des schulischen Lernens auf. Es geht darum, geschlechtliche Vielfalt für den einzelnen Burschen lebbar zu machen und nicht, ihn gemäß eines bestimmten Vorbildes zu formen – sei es nun traditionell oder vermeintlich progressiv.

Dass an Volks- und Hauptschulen in Österreich überwiegend Frauen* unterrichten, ist kein neues Phänomen. Warum werden die angeblich fehlenden Vorbilder derzeit so heftig diskutiert?

Ich denke, es hat mit den sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Die Lebenswelten junger Menschen sind vielfältig, komplex und von multiplen sozialen Zugehörigkeiten gekennzeichnet. Diese pluralisierten Lebenslagen treffen auf Bildungsinstitutionen, die im Kern immer noch auf das Herstellen von Homogenität bzw. Vereinheitlichung ausgerichtet sind. Das führt zu Überforderungen. Der Impuls, dass sich Vielfalt auch in der Institution, im Team abbilden sollte, ist grundsätzlich ein richtiger. Aber der Fokus auf männliche Vorbilder ist ein verengter. Nicht der geringe Männeranteil an Bildungsinstitutionen ist das Problem, sondern die mangelnde Repräsentation der Vielfalt an Geschlechtern, Sexualitäten, Migrationsgeschichten, kulturellen Zugehörigkeiten, Körpern etc. unter den Pädagog_innen sowie das mangelnde Vorleben fairer Arbeitsteilung.

Du arbeitest unter anderem in der kritischen Burschenarbeit. Was kann mensch sich darunter vorstellen?

Ich besuche Schulen oder Jugendzentren und arbeite gemeinsam mit den Burschen an Themen, die für sie von Interesse sind: Geschlecht, Sexualität, Gewalt, Arbeit/Beruf etc. Die für die jeweilige Gruppe relevanten Themen werden im Vorfeld der Workshops mittels Fragebögen erhoben. Ziel kritischer Burschenarbeit ist es, (geschlechtliche) Vielfalt für den jeweiligen Burschen lebbar zu machen. Dazu genügt es nicht, an den Gefühlswahrnehmungen und Verhaltensweisen einzelner zu arbeiten. Ich interessiere mich für die Geschichten der Jugendlichen und lade sie zu Erzählungen ein. Ihre Biografien sind wie Schnittstellen gesellschaftlicher Differenzierungen und Hierarchien, die wiederum viele betreffen: Erfahrungen von struktureller Gewalt, Rassismus, Homophobie, soziale Ausgrenzung etc. Anhand des Sprechens über die Lebensrealitäten der Teilnehmenden werden gesellschaftliche Hierarchien beleuchtet und soziale Ein- und Ausschlussprozesse – auch in der Gruppe/Klasse – zum Thema gemacht.

Kampagnen wie „Pink stinks“ wehren sich gegen „Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“ – warum gibt es keine Aktionen, die sich gegen Spielzeugwaffen und Action-Figuren als „Buben-Spielzeug“ wenden?

Antje Schrupp hat dies in einem Blogbeitrag zum pinken Mädchen-Überraschungs-Ei treffend beschrieben: Mädchen und Frauen können sich mittlerweile von limitierenden geschlechtlichen Zuschreibungen emanzipieren, ohne dadurch ihre Weiblichkeit aufs Spiel zu setzen. Für Burschen und Männer ist das Überschreiten geschlechtlicher Grenzen schwieriger: Es gibt unter Männern noch keine Kultur dafür, wie sie ihre Männlichkeit behalten können, ohne sich von allem als “weiblich” Identifizierten abgrenzen zu müssen. Hier wird der enge Zusammenhang zwischen Homophobie, Männlichkeitsdruck und Weiblichkeitsabwehr in der Konstitution von Männlichkeit deutlich. Für mich ein Grund mehr, geschlechterpolitische Strategien zu forcieren, die Mädchen-/Frauenförderung, Gendermainstreaming und Allianzen mit gleichstellungsorientierten Burschen-/Männerprojekten einschließen, ohne das eine gegen das andere auszuspielen.

pic maeb aktuell

Mag.(FH) Michael M. KURZMANN

Sozialarbeiter, Psychoanalytiker i.A.u.S. (APLG). Seit 2006 Mitarbeiter des Vereins für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark – aktuelle Arbeitsbereiche: Burschenarbeit, Casemanagement in der Gewaltarbeit, Projekt „Männer und Migration“. Mitglied der GenderWerkstätte. Lehrbeauftragter am Zentrum für Soziale Kompetenz der Karl-Franzens-Universität Graz. Mitarbeiter der Familien- und Sexualberatungsstelle Courage Graz. Psychotherapie/Psychoanalyse in freier Praxis.

Links:

Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark

Fortbildungsreihe „Jungen als Bildungsverlierer? Kritische Analysen und Folgerungen für eine geschlechterreflektierende Pädagogik“