Wenn Männer tagen

Warum sich Feministinnen mit der Männlichkeitsforschung und Männerberater mit dem Feminismus auseinandersetzen sollten

Vergangene Woche feierte die Männerberatung Graz ihr 15-jähriges Bestehen, anlässlich des Jubliäums wurde die österreichische „Männertagung“ erstmals in der Steiermark (an der Fachhochschule Joanneum) abgehalten. Auf diese beiden Tage hatte ich mich schon sehr gefreut, da unter anderem Raewyn Connell zu Gast war und Männlichkeitsforschung zu meinen Schwerpunkten innerhalb der Gender Studies zählt.
Was mich schließlich auf der Veranstaltung zum Thema „Diversität von Männlichkeiten“ überraschte, waren nicht unbedingt die Vortragenden, sondern vielmehr einzelne Besucher. Aber erst einmal der Reihe nach.

Am Donnerstag hielt Raewyn Connell, die wohl weltweit am häufigsten zitierte Männlichkeitsforscherin, einen Vortrag und legte dabei ihren Schwerpunkt auf globale Dimensionen der Geschlechterforschung. In ihren jüngsten Publikationen setzt sich die Soziologin mit der westlichen Dominanz in der globalen Wissensproduktion auseinander – ein Thema, das von feministischen Wissenschafter_innen schon lange diskutiert wird. Dass sich eine einflussreiche Universitätsprofessorin wie Connell des Themas annimmt und versucht, konkreten Forschungsprojekten in Südafrika, Chile und dem Iran zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, kann eigentlich nur positiv bewertet werden.

Redebedarf

Am Nachmittag diskutierten wir schließlich in einem der Workshops ein aktuelles Projekt der Männlichkeitsfoscherin zu „business men“. Während sich vor allem Studierende, die zur Tagung angereist waren, mit theoretischen Fragestellungen auseinandersetzten, wurde recht bald klar, dass sich die meisten Männer für andere Themen interessierten. „Wenn ich bei Besprechungen als einziger Mann teilnehme, lassen mich die Frauen genauso nie zu Wort kommen. Oder sie akzeptieren nicht, was ich sage“, erzählte ein Teilnehmer, der in der Männerberatung tätig ist. Überhaupt bestand bei vielen Teilnehmern ein großer Redebedarf, für den vielleicht ein eigenes Format vonnöten gewesen wäre.

Dieser Umstand war im Grunde absolut nachhvollziehbar für mich: Über Männlichkeiten und Männer zu reden, das ist etwas Neues, Interessierte brauchen Möglichkeiten und Räume, um sich austauschen zu können. Die Thesen, die manche Teilnehmer allerdings während der Tagung zum Besten gaben, waren äußerst problematisch. Ein Vertreter des deutschen „Bundesforum Männer“ erzählte etwa, dass er Männer dazu ermutige, sich mit Geschlechterrollen zu beschäftigen, da Frauen über ein wichtiges Privileg verfügen würden: Freizeit (Vielleicht, so hoffe ich, konnte er sich aber auch auf Englisch nicht so gut ausdrücken, wie er das gerne gewollte hätte).

Thomas Gesterkamp, der unter anderem zu Männerrechtlern und deren dubiosen Aktivitäten im Internet forscht, sprach am Freitag über die „Krise der Kerle“ und bemühte trotz kritscher Grundhaltung diverse sexistische Klischees und Allgemeinplätze: Arbeitslose „Unterschichtsmänner“ sind doppelte Verlierer und finden aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit keine Frauen. So werden sie auch nicht in Partnerschaft und Ehe „erzogen“ und landen schließlich im Wettbüro. Und Jungen werden in den Schulen doch irgendwie nicht richtig behandelt. Etwa, weil der „männliche“ Bewegungsdrang von den Lehrerinnen als Störfaktor verurteilt wird. Auch der „Boys‘ Day“ sei irgendwie unfair: Während Mädchen spannende Betriebe besichtigen dürfen, müssen Jungs Nudeln kochen oder werden in den „Nähparkour“ geschickt.

Überhaupt fehlte auf der Tagung der Wille zur (theoretischen) Reflexion. Das wurde besonders eindringlich sichtbar, als schließlich Erich Lehner seinen Vortrag hielt. Der Pädagoge und Psychoanalytiker hat sich bereits in diversen (rechten) Männerkreisen äußerst unbeliebt gemacht, da er sich intensiv mit dem Feminismus auseinandersetzt und sich klar gegen die automatische gemeinsame Obsorge ausspricht. Wenn Väter ihre Versorgungspflichten vor einer Scheidung nicht erfüllen, können sie nicht nach einer Trennung Rechte fordern – diese These vertritt Lehner und erzählt in seinen Vorträgen und Vorlesungen von engen Vater-Kind-Beziehungen, die durch Pflegetätigkeiten entstehen.

Rotes Tuch Feminismus

Nachdem er bei der Männertagung davon gesprochen hatte, dass Männerarbeit immer pro-feministisch sein und Männerpolitik einer Frauenministerin unterstellt sein müsse, wurde es unruhig im Saal. Unzählige Hände schnellten in die Höhe, als schließlich Fragen gestellt werden durften. Ein Universitätsprofessor von der Uni Innsbruck konnte seinen Ärger kaum verbergen: Pro-feministisch, das sei doch völliger Blödsinn. Er habe nämlich schon mit Feministinnen gesprochen. „Die verleugnen die Zweigeschlechtlichkeit! Unglaublich! Sitzen wir als Männer und Frauen hier, oder was?“ Dann erzählte er von seinen Experimenten in Kindergärten, wo sich Jungs förmlich auf Männer stürzen würden. Dann wälzen sie sich angeblich am Boden und können ihrer Männlichkeit so freien Lauf lassen. Sein Resümee: „Es gibt ganz klar viele Unterschiede zwischen den Geschlechtern!“

Ein anderer Teilnehmer, der in einer Männerberatung in Innsbruck arbeitet, erregte sich ebenfalls sehr über Lehners Vortrag. „Wenn ich diese wissenschaftlichen Sachen schon sehe, wird mir ganz anders. Defizit, Defizit, Defizit“, sagte er, während einige Männer zustimmend applaudierten. Er versuche, Männern positive Zugänge zu vermitteln, das Ganze müsse einfach Spaß machen.

Was immer wieder auffiel, war der Umstand, dass das Wissen um Feminismus / feministische Theorien und auch Männlichkeitsforschung bei vielen Teilnehmern, die sich zu Wort meldeten, äußerst mangelhaft war. Dass sich manche sogar offen von wissenschaftlichen Zugängen distanzierten, stimmte mich zusätzlich nachdenklich. Gerade in Männerberatungseinrichtungen, wo wichtige Arbeit zu den Themen Gewalt, Beziehung, Trennung und Gesundheit geleistet wird, sollte akademisches Wissen zur praktischen Anwendung kommen.

Männerproblem Scheidung

Männer, die vor einer Scheidung stehen oder diese bereits hinter sich haben, sind jene Männer, die am häufigsten eine Beratungsstelle aufsuchen. In einem Workshop zu Trennungskonflikten und Vaterschaft erzählten Mitarbeiter der Männerberatung Graz und Linz am Freitag Nachmittag aus der Praxis. (Automatische) gemeinsame Obsorge ist ein Thema, das unweigerlich polarisiert, so auch bei der Männertagung. Nach kurzer Zeit entstanden Streitgespräche, die allerdings von den  Diskussionsleitern abgefangen wurden. Viele Männer würden erst nach der Scheidung merken, was sie eigentlich verloren haben, erzählte ein Sozialarbeiter. Bei seiner Arbeit erlebt er die unterschiedlichsten Fälle: Väter, die über das Sorgerecht ihre Frauen weiterhin kontrollieren möchten und auch Väter, die sich aufrichtig um ihre Kinder kümmern möchten.

Wie Beispiele aus anderen Ländern zeigen, können viele Sorgerechtsstreitigkeiten in Gesprächen bei Familienberatungsstellen gelöst werden. Worauf sich in der Runde alle einigen konnten, war die Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen Männer- und Frauenberatungsstellen und Kinderanwaltschaften. Auch gelte es, gegen herrschende Stereotypen anzukämpfen: die Frau, die unbedingt ein Besuchsrecht unterbinden möchte und der Mann, der sich nicht um seine Kinder kümmert.

Ministerbesuch

Als am Freitag auch Sozialminister Hundstorfer auf einen Besuch vorbeischaute, erhielt Raewyn Connell einen Einblick in österreichische Gepflogenheiten. Von fünf Mitarbeitern begleitet betrat der SPÖ-Minister das Audimax, bevor er auf die Bühne geholt wurde, hielten der Rektor der FH Joanneum und ein Vertreter der Stadt Graz (die beide zuvor nicht an der Tagung teilgenommen hatten) Begrüßungsreden. Jener Redner, der Bürgermeister Nagl (ÖVP) vertreten sollte, war angsichts des Themas „Diversität von Männlichkeiten“ nicht gut gebrieft worden: Er erzählte von muslimischen Migranten in Graz, Zwangsheirat und österreichischen Frauenrechten.

Der Sozialminister gab schließlich einen kurzen Abriss der Geschichte der männerpolitischen Grundsatzabteilung und versicherte uns Österreicher_innen, dass er uns von der Wiege bis zur Bahre begleite: „Wenn jemand im Spital geboren wird, haben wir das Arbeitsrecht für die Hebamme geregelt und wenn ihr beerdigt werdet, kontrolliere ich auch die Aufzeichnungen vom Bestattungsamt.“ Kritischen Fragen aus dem Plenum gegenüber zeigte er sich völlig entspannt – auch gegenüber Forderungen nach mehr Geld für Beratungseinrichtungen: „Wisst’s eh, ich brauch‘ euch hier ja kane G’schichterln erzählen.“ (Wie in der abschließenden Runde berichtet wurde, lieferten der Ministerbesuch und „Hegemoniale Männlichkeit auf der Männertagung“ noch Stoff für einen Workshop mit Raewyn Connell zu aktuellen Themen der Männlichkeitsforschung.)

Was bleibt

Für mich persönlich war es besonders interessant, im Rahmen der Tagung Einblick in die österreichische „Männerszene“ zu bekommen. Was meiner Ansicht auf jeden Fall noch ausständig ist, ist eine umfassende Akademisierung und Theoretisierung: Wer sich mit „Gender“ befasst, muss auch wissen, was das eigentlich ist. Auch eine feministische Grundbildung bräuchte es: Der (akademische) Feminismus hat in den vergangenen Jahrzehnten eine unglaubliche Fülle an Theorien und Konzepten hervorgebracht, die sich auch als äußerst praktisch für konkrete politische Arbeit erweisen. Andererseits ist auch eine feministische Einmischung notwendig – Männlichkeitsforschung wird derzeit innerhalb der Gender Studies eindeutig vernachlässigt.

Beide Forschungsschwerpunkte widersprechen sich nicht – ganz im Gegenteil: im Sinne einer Arbeit für Geschlechtergerechtigkeit ergänzen sich die Ansätze; wie zahlreiche Studien zeigen, leiden Frauen und Männer unter traditionellen Männlichkeitsbildern.

Zu sagen bleibt zudem, dass ich während der Tagung auch sehr interessante und differenzierte Gespräche geführt habe – oftmals sind es ja leider die negativen Erlebnisse, die stärker in Erinnerung bleiben. Besonders nett beendete ein Vertreter des Organisationsteams die Männertagung: „Unsere Tagung wurde im Vorfeld von Männerechtlern ja als ideologisches Onanieren bezeichnet. Ich möchte ihnen ausrichten: Es hat Spaß gemacht!“

Österreichische Männertagung in Graz

Unter dem Titel „Diversität von Männlichkeiten“ findet im Oktober 2011 an der FH Joanneum in Graz die Österreichische Männertagung statt, am 20. Oktober wird die bekannte Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell sprechen. Veranstalter ist die Männerberatung Graz, die die Tagung zusammen mit dem Studiengang Soziale Arbeit an der FH Joanneum konzipiert hat.

„Die österreichische Männertagung 2011 möchte eine Perspektive eröffnen, die die komplexen Relationen zwischen Frauen und Männern sowie zwischen verschiedenen Männlichkeiten wahrnimmt und in ihren Verschränkungen mit anderen sozialen Faktoren wie soziale Lage und Migration untersucht. Daraus sollen zukunftsorientierte Politiken für die Männerarbeit entwickelt werden.“

20. und 21. Oktober in Graz
Detailliertes Programm unter: Link
Anmeldung unter: Link (Der Tagungspass für Studierende kostet 80 Euro)

Am 13. Oktober wird Raewyn Connell wird außerdem einen Vortrag an der Universität Wien halten, Infos gibt es hier.

Gemeinsame Obsorge

Ich bin gegen eine automatische Gemeinsame Obsorge, wie sie Justizministerin Bandion-Ortner umsetzen möchte. Dieser Standpunkt lässt sich meiner Ansicht nach recht einfach begründen. Noch immer wird ein Großteil der Haus- und Pflegearbeit, der Kindererziehung von Frauen geleistet – eine automatische Gemeinsame Obsorge würde also nicht der gesellschaftlichen Realität gerecht werden. In rund 90 Prozent der Fälle einigen sich die Eltern zudem einvernehmlich auf ein Obsorge-Modell, Streitigkeiten rund um das Sorgerecht gibt es nur bei zehn Prozent der Paare. In diesem Sinne sollten als Einzelfälle also individuell überprüft werden – gerade auch, weil Scheidungen unter anderem aufgrund von Gewalt in der Familie eingereicht werden.

Was wir in Österreich jedoch dringend nötig hätten, ist eine Debatte um die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und neue Modellen einer aktiven Vaterschaft. „Natürlich ist die Obsorge Teil einer aktiven Vaterschaft. Allerdings wird diese Vaterschaft vor der Geburt, während der Geburt und nach der Geburt geformt. Ihr Kennzeichen ist die väterliche Präsenz für Mutter und Kind. Wenn man bedenkt, dass in Österreich der Karenzväteranteil magere 4 Prozent beträgt und nur eine verschwindende Minderheit von Männern für die Betreuung ihrer Kinder ihren Beruf auf Teilzeitarbeit reduziert, wird erkennbar, dass die väterliche Präsenz in Österreichs Haushalten sehr gering ist“, meinte dazu der Sozialwissenschafter Erich Lehner im diestandard-Interview.

Eine solche Debatte ist aber offensichtlich nicht erwünscht, sondern geht in eine ganz andere Richtung; das zeigt die Art und Weise, wie und mit welchem Vokabular über das Thema gesprochen wird. Dass es bei der Obsorge immer um möglichst ideale Bedingungen für die betroffenen Kinder geht, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Viele Befürworter_innen (und auch einige Gegner_innen) der Gemeinsamen Obsorge überschlagen sich jedoch förmlich in der Bemühung, ihre Sorge um das „Kindeswohl“ zu formulieren.

Klaus Küng, Diözesanbischof in St. Pölten, durfte im „Standard“ ein Kommentar mit dem Titel „Zeichen der Hoffnung zum Wohle des Kindes“ veröffentlichen. Küng hat Bedenken aufgrund der vielen Trennungen, die heutzutage ganz leichtfertig vollzogen würden. „Doch: Die allermeisten Kinder sehnen sich nach einem Leben mit Vater und Mutter – auch wenn es Schwierigkeiten gibt, auch wenn Spannungen und Streit auszuhalten sind.“ Die Gemeinsame Obsorge ist für ihn der erste Schritt in die richtige Richung: „In einer zunehmend vaterlosen Gesellschaft ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass Väter auch einseitig gemeinsame Obsorge beantragen können; vielleicht realisieren sie dann, dass der Vater mindestens gleich viel zum Glück des Kindes beitragen kann und muss.“

Was lesen wir hier also im Subtext? Scheidungen sind furchtbar (für die Kinder) und Kinder brauchen einen Vater, um glücklich aufwachsen zu können – egal, unter welchen Bedingungen. Schuld sind also die Eltern. Und wenn wir ganz ehrlich sind: die Frauen. Und was man(n) dann vielleicht nicht mehr auszusprechen wagt: Hat nicht der Feminismus die Institution der Ehe zerstört? Lassen sich Frauen heutzutage nicht wegen jeder Kleinigkeit scheiden und zerstören damit die Familie?

Immer wieder werden solche Untertöne in Debatten um Familie (=Mutter-Vater-Kind) eingebracht und stellen so den langen Kampf der Frauenbewegung in Frage, der die Eigenständigkeit von Frauen und den Ausstieg von Frauen aus Gewaltbeziehungen vorangetrieben und erleichtert hat. Und das alles natürlich nur zum Wohle des Kindes.

„Das Gefühl, dem Kind gegenüber auch weiterhin ein Mitspracherecht zu haben, verhindert, in eine Position der Ohnmacht und Frustration zu kommen. Der Vater fühlt sich nicht plötzlich entrechtet, es besteht kein Grund, hilflos ‚um sich zu schlagen‘, die Mutter sieht sich keinen Angriffen ausgesetzt, die Alimente treffen regelmäßiger ein, das Vertrauen wächst“ – so argumentiert Anton Pot0tschnig, Obmann des Vereins „Doppelresidenz“, die Gemeinsame Obsorge im „Standard“ und bezeichnet sie zugleich als einen „emanzipatorischen Schritt für Frauen und Männer“. Quergelesen werden hier also gewalttätige Reaktionen und unterschlagene Zahlungen von Vätern legitimiert – so sehe das eben aus, wenn Männer kein Mitspracherecht haben.

Interessant ist auch, das Menschen, denen eine „vaterlose Gesellschaft“ schlaflose Nächte bereitet, meist nur gesetzlich fundierte Mitspracherechte von Vätern im Visier haben. Sollte es nicht viel eher ihr Ziel sein, an einem neuen, emanzipatorischen Männerbild zu arbeiten, das väterliche Beteiligung an Haus- und Pflegearbeit miteinschließt und somit eine intensive Bindung zu Kindern von der Geburt an ermöglicht? Gerade so könnte das vorherrschende „Ein Kind gehört zur Mutter“ aufgeweicht werden. Zumindest Justizministerin Bandion-Ortner scheint dies kein Anliegen zu sein. Gemeinsame Obsorge – „Auch wenn der Vater erst einige Jahre später draufkommt, dass er für das Kind Verantwortung übernehmen will. Bei manchen Vätern dauert es einfach etwas länger“, sagte sie im Interview mit dem „Standard“. Das implizite Familienmodell stellt sich im traditionellen Sinne hier also folgendermaßen dar: Die Mutter kümmert sich um das Kind, der Vater entscheidet (mit), was das Beste ist. „Wer bezahlt, soll auch ein Mitspracherecht haben“, ergänzte dazu Ursula Haubner vom BZÖ.

Unfähige Männer

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek kann sich also ein verpflichtendes Karenz-Monat für Väter vorstellen – das erzählte sie vergangene Woche dem Standard. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Vorschlag umgesetzt wird, liegt allerdings wohl  (leider) unter zehn Prozent. Empörende Ablehnung schlug ihr sogleich von Seiten der ÖVP entgegen und auch einige Journalisten des Landes brachten ihre Furcht vor der „Pflichtkarenz“ zu Papier.

Kinder seien nun Mal „Frauensache“ – mit diesem Argument wagen 2011 wohl nur mehr einige Hardliner (als anonyme Poster) ins Feld zu ziehen. Viel mehr wird da die Freiheit des mündigen Bürgers und der Bürgerin herbeizitiert. „Jetzt soll, wenn es nach der Frauenministerin geht, die Familie mit dem Pflicht-Papamonat also bald wieder zum gesellschaftspolitischen Exerzierfeld werden. Dem Trend folgend, dass statt der freien Entscheidung mündiger Menschen von der Wiege an alles per Gesetz reguliert werden muss“, schreibt Karl Ettinger in der Presse. Auch Eric Frey stimmt im Standard ähnliche Töne an: „Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der uns der Staat solche höchstpersönlichen Entscheidungen abnimmt? Mündige Menschen – und das sind Väter im Allgemeinen – müssen selbst entscheiden können, wie sie den Spagat zwischen Beruf und Familie schaffen.“

Nun, gegen eine Gesellschaft der freien, mündigen Bürger_innen gibt es wirklich nichts einzuwenden, Tatsache ist aber, dass sich in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen gerechter Geschlechterverhältnisse sehr wenig getan hat – und das trotz aufklärerischer Kampagnen, Infobroschüren und öffentlicher Anprangerung von Gehaltsschere und Co. 4,5 Prozent der Väter nehmen Erziehungsurlaub in Anspruch – ohne entsprechende gesetzliche Regelungen werden wir vermutlich weitere zwanzig Jahre warten müssen, bis sich dieser Wert verdoppelt hat. Im Jahr der Frauen ist die Zeit reif für politische Interventionen, schließlich sollen unsere Enkelinnen am 8. März nicht  mit den selben Forderungen – Stichwort Karrierefalle Karenz – auf die Straße gehen müssen.


Foto: BKA/HBF – Andy Wenzel

Doch abgesehen von der Freiheit der Staatsbürger_innen könnten offensichtlich auch die Fähigkeiten der Männer gegen eine Väterkarenz sprechen. „Ganz abgesehen von der Frage, ob für ein kleines Kind ein zwangsverpflichteter Macho tatsächlich das Beste für den Start ins Leben ist“, sorgt sich Presse-Journalist Ettinger; „damit tut man niemandem etwas Gutes – weder den zwangsverpflichteten Vätern noch den auf diese Weise zur Betreuung überlassenen Kindern“, meint Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. Und standard.at Poster greifen zu weit drastischeren Schilderungen von möglichen Horror-Szenarien: Väter könnten etwa beim Spaziergang mit dem Kinderwagen in Raufereien verwickelt werden, weil ein anderer Papa ihnen die Vorfahrt genommen hat.
So ist es also um die österreichischen Väter bestellt? Unbeherrschte Machos, denen man unmöglich guten Gewissens ein Kleinkind anvertrauen kann?

Ob da die Fähigkeiten der Männer nicht grob unterschätzt werden. Und überhaupt – wer überprüft eigentlich die Eignung der so gesehen „zwangskarenzierten“ Mütter? Oder schieben die Menschen, die Männer zwar zutrauen, ein Unternehmen zu leiten, aber nicht, einen Einjährigen zu beaufsichtigen, gar nur Schein-Argumente vor? Vermutlich vergessen sie auch darauf, dass gerade Väter, die sich aufgrund von Druck im Berufsleben nicht für die Karenz entscheiden, enorm von einer gesetzlichen Regelung profitieren würden. „Und für die Kinder bringt der Papamonat die Chance auf eine bessere Beziehung zum Vater“ – meint Conrad Seidl.

Männer in Karenz

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek hat aktuell eine Kampagne gestartet, um mehr österreiche Väter dazu zu animieren, in Karenz zu gehen. Derzeit sind es verschwindend geringe 4,5 Prozent der Väter, in zehn Jahren sollen es 20 Prozent sein. 15 Jahre nach Helga Konrads „Ganze Männer machen Halbe-Halbe“ heißt es nun also: „Echte Männer gehen in Karenz„. Hier der dazugehörige Spot:

Und, spricht euch das an?

Neue Studien, alte Erkenntnisse

Eine Studie der Statistik Austria zum Thema Hausarbeit liefert wenig überraschende Ergebnisse: Österreichische Frauen erledigen mehr Hausarbeit als Männer und widmen sich häufiger den unangenehmeren Tätigkeiten wie Putzen und Bügeln. 8000 Männer und Frauen hatten für diese Studie ein Jahr lang ihre täglichen Tätigkeiten aufgelistet. Die beliebtesten Aufgaben bei den Männern sind Einkaufen und mit den Kindern spielen. Link , Kommentar der Denkwerkstatt zum Thema Hausarbeit

Die Biochemikerin Margarete Maurer ist eine Pionierin der feministischen Forschung in den Naturwissenschaften. Im Interview mit Ö1 / orf.science spricht sie über ihr Verständnis von Feminismus und Geschlechterstereotype in den „Hard Sciences“: Link

Erich Lehner, Psychologe und Theologe hat diestandard.at ein Interview gegeben – er spricht über sein Engagement in der Männlichkeitsforschung und die aktuelle Väter-Debatte: Link

Der Rechtsstreit um die Töchter in der österreichischen Bundeshymne ist entschieden: Der Texteingriff der Werbeagentur, die die Kampagne für das Unterrichtsministerium gestaltete (die Denkwerkstatt berichtete), ist zulässig. Wenn von Söhnen und Töchtern gesprochen wird, so sei das „eine zeitgemäße, die primären Adressaten der Kampagnen ansprechende abgewandelte Fassung.“

Wie das Thema Hausarbeit in Partnerschaften auf Fox News verhandelt wird, seht ihr hier:

In den Medien

Zur Obsorge-Debatte: In Deutschland wird ein neues Gesetz vorbereitet, unverheiratete Väter werden nun gleichgestellt, indem die automatische Bevorzugung unverheirateter Mütter fällt. Väter können nun ohne Zustimmung der Mutter eine gemeinsame Obsorge beantragen. Kommentare zur angeblichen „Willkür der Mutter“ und biologischen Definitionen von Vaterschaft gibt es auf der Mädchenmannschaft und bei Antje Schrupp.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hat auch in Österreich für Schlagzeilen gesorgt. Während Justizministerin Bandion-Ortner hierzulande eine ähnliche Regelung erwirken möchte, spricht sich Frauenministerin Heinisch-Hosek nach wie vor gegen eine gemeinsame Obsorge aus.

Gute Nachrichten aus Kalifornien: Das Verbot der Ehe für homosexuelle Menschen ist aufgehoben worden, Bundesrichter Walker erklärte es für diskriminierend und damit verfassungswidrig. Eine wie immer brilliante Auseinandersetzung mit den entsetzten Reaktionen der Konservativen gibt es bei Stephen Colbert.

Die Netzneutralität ist in Gefahr: Nachdem Details über Kooperationen zwischen Google und Verizon bekannt wurden, wird nun eine von bestimmten Anbietern finanzierte bevorzugte Datenübertragung befürchtet. „Im Kern geht es aber darum, dass Google seine Daten schneller zu den Kunden bringen will und bereit ist, dafür zu bezahlen. Das allerdings bedroht die Netzneutralität, die neben der Dezentralisierung eines der beiden Basisprinzipien der Internets ist“, so Zeit Online. Eine Petition für die Netzneutralität kann bereits online unterzeichnet werden: Link , auf der Mädchenmannschaft gibt es einen Kommentar zu Netzpolitik im feministischen Kontext.

Die überflüssigste wissenschaftliche Studie der Woche ist auf ORF Science zu finden: „Männer in Rot ziehen Frauen stärker an.“
Der doofste Werbespot kommt diesmal von „Kornland“: