Soziale Ausgrenzung im Tod

„Der Friedhofsgräber ist ein anderer als beim letzten Mal. Er sagt jeweils den Namen des Verstorbenen, wenn er die Urne einsinken lässt, und ‚Ruhe in Frieden‘. (…) Ben und ich weinen und schauen dem Friedhofsgräber zu, wie er die Schubkarre ranfährt und die fünf Gräber zubuddelt“, schreibt Francis Seeck. Seeck, Berliner Kulturanthropolog_in und Antidiskriminierungstrainer_in, widmet sich in „Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive“ Ausgrenzung und Marginalisierung, die auch nach dem Tod nicht aufhören. Seecks Vater wurde 2009 in Berlin ordnungsbehördlich bestattet, das heißt ohne Zeremonie und ohne Angehörige. Ausgehend von der eigenen Betroffenheit stellt Francis Seeck nun im Rahmen von teilnehmender, engagierter Forschung die Frage, wer betrauerbar ist und wie Klassismus sich auch in der Bestattungspraxis manifestiert.

In Deutschland gilt eine Bestattungspflicht für Tote, die bei den Erb_innen und unterhaltspflichtigen Verwandten liegt. Findet das zuständige Ordnungs- oder Gesundheitsamt innerhalb eines kurzen Zeitraums diese nicht, werden die Verstorbenen anonym bestattet – namenlos, ohne Trauerfeier oder Blumen. Aktuell werden immer mehr von Armut betroffene Menschen so bestattet, schreibt Seeck, oft sind es Menschen, die auch abseits der heteronormativen Kleinfamilie gelebt haben. In klarer Sprache macht Seeck in dem dünnen Band die soziale Ausgrenzung auf Friedhöfen deutlich und zeigt Interventionen für ein Recht auf Trauer auf. Ein großartiges Buch, das mit der Botschaft endet: „Ich wünsche mir, dass mehr über Sterben, Armut und Tod gesprochen wird.“

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Francis Seeck: Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive
edition assemblage 2017, 10,10 Euro

Diese Rezension ist in an.schläge VIII/2017 erschienen.
Francis Seeck im Denkwerkstatt-Interview

Rezension: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag

Für das Missy Magazine habe ich mit Autorin Julia Roßhart über ihr Buch, Klassismus in feministischen Szenen und das Schweigen über Geld und Herkunft gesprochen. (Interview online nur für Mitglieder zugänglich, gedruckt in der Ausgabe 3/2017 lesbar)

Klassismus als Thema akademisch-feministischer Binnenkritik wird angesichts bildungsbürgerlicher Dominanz und elitärer Normen im Hochschul-Kontext nicht offensiv angegangen, sondern „ignoriert, verdrängt und tabuisiert“ – diesen Befund stellt die Soziologin Julia Roßhart ihrem Buch „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“ voran. Mit ihrer Dissertation, die sich feministischen Akteurinnen in der BRD der 1980er- und 90er-Jahre widmet, möchte die Autorin dementsprechend dazu beitragen, Forschungslücken zu schließen und weitere – dringend notwendige – Auseinandersetzungen anzuregen. Roßhart hat anhand von Dokumenten, ergänzt durch Gespräche mit Protagonistinnen, verschiedene Formen anti-klassistischer Interventionen innerhalb feministischer Gruppen und Szenen aufgearbeitet: Kritische Reflexionen der eigenen Klassenherkunft waren ebenso wie konkrete Umverteilungsmaßnahmen Versuche, mit Diskriminierungserfahrungen und Privilegien umzugehen. Federführend waren es lesbische Aktivistinnen, die – ohne Zugang zu männlichen Privilegien durch heterosexuelle Partnerschaften, so eine These – Unterschiede und Ausgrenzungen zwischen Frauen und Lesben zum Thema machten. „Ich hoffe sehr, dass es in zwanzig Jahren nicht erst einer Archivrecherche bedarf, um anti-klassistische Interventionen und Perspektiven zu erinnern“, schreibt Roßhart.*

Julia Roßhart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er- und 90er-Jahre in der BRD. w_orten & meer 2016

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*Diese Rezension ist bereits in an.schläge II/2017 erschienen.

Play Gender

Ich habe auf diesem Blog schon lange kein Buch mehr vorgestellt – ein Rezensionsexemplar, das vor Kurzem bei mir gelandet ist, bietet mal wieder die Gelegenheit dazu. Aus Gründen der Transparenz muss gesagt werden, dass die Herausgeberin meine an.schläge-Kollegin Fiona Sara Schmidt ist, dennoch wird meine Besprechung keine gefärbte sein (Meine Voreingenommenheit beschränkt sich darauf, dass ich Sara als eine kluge Journalistin/Literaturwissenschafterin und eine absolute Pop/Kultur-Auskennerin schätze).

„Play Gender“ ist im Sommer beim deutschen Ventil Verlag (Hg. v. Fiona Sara Schmidt, Torsten Nagel und Jonas Engelmann) erschienen, hier ein kleiner Auszug aus dem Pressetext zum Sammelband: „Was passiert, wenn Theorie auf popkulturellen Alltag trifft? Wenn linke Aktivist_innen sich mit Feminismus und Queer Theory auseinandersetzen? Wie können feministische Konzepte in der Praxis genutzt werden – beim Veranstalten von Konzerten, dem Dreh emanzipatorischer Filme, der Organisation von Partys oder im Alltag?
»Play Gender« stellt aktivistische, (queer-)feministische Ansätze und Interventionen im popkulturellen und im politischen Feld vor“.

Das Buch bietet also einen Mix aus ganz unterschiedlichen Texten: mehr und weniger bekannte Musikerinnen berichten in Kurzinterviews über ihr (Arbeits-)Leben und ihre queer-feministischen Positionen, Aktivist_innen reflektieren ihr eigenes politisches Tun, Autor_innen beleuchten Felder der Kulturarbeit und des Zusammenspiels von Theorie und Praxis. (Warum „Feminismus“ und „Linke Praxis“ zwei getrennte Kapitel sind, ist mir nicht ganz klar geworden.)

Ganz grundsätzlich bin ich mittlerweile keine Freundin von Sammelbänden mehr, da sie oft etwas versprechen, das dann nicht eingelöst wird und die Texte kaum in einem Zusammenhang stehen. „Play Gender“ hat mir dennoch viel Freude gemacht: Die Vielfalt der Texte und Zugangsweisen wird auf den ersten Blick deutlich, der transparent gemachte persönliche Zugang der Autor_innen zu ihrem Thema sowie das Einflechten biografischer Bezüge zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die einzelnen Texte ergänzen sich nicht nur, sie widersprechen sich zum Teil auch – was  die Lektüre noch reizvoller macht.

In Sachen Kulturarbeit liegt der Schwerpunkt klar auf dem Musikbusiness, was meinem persönlichen Interesse durchaus entgegenkommt. Und in kaum einem anderen Feld tut sich wohl eine derartige Widersprüchlichkeit auf, was Geschlechterverhältnisse betrifft: Frauen* dominieren als internationale gefeierte Stars das Pop-Business, zugleich wird ein Mädchen, das zu Schlagzeug oder E-Gitarre greift, noch immer schief angeschaut. „Während meiner musikalischen Laufbahn als Schlagzeugerin haben Tontechniker überrascht reagiert als sich herausstellte, dass ich weder Sängerin noch Keyboarderin, sondern Schlagzeugerin bin“, berichtet beispielsweise Laura Landergott (Ja, Panik).

Die in feministischen Kreisen vermutlich vielen bekannte Sarah Diehl erzählt in ihrem unglaublich spannenden Text von der Geschichte ihres Pro-Choice-Aktivismus und dem Filmemachen und legt dabei offen, wie sie das Ganze (z.B. einen in zwei Ländern gedrehten Dokumentarfilm über den Schwangerschaftsabbruch) überhaupt finanzieren konnte. Meine ehemalige an.schläge-Kollegin und jetzige Missy-Redakteurin Vina Yun bietet ihn ihrem Beitrag „Crying at the Discoteque. Alternativen zum Status quo der Clubkultur“ wie gewohnt eine messerscharfe und kluge Analyse, ein ordentliches Paket an Vorwissen in Sachen Subkultur, elektronischer Musik und Cultural Studies wäre aber ganz nützlich für das Verständnis des Textes (Ich gebe zu, ich bin nicht gerade Expertin in Sachen Pop- und Clubkultur, ich stehe da eher am anderen Ende des Spektrums). Sookee arbeitet sich indes an der „heterosexistischen Kackscheiße im Rap“ ab und bringt auf nur vier Seiten treffend die Problematik rund um die sogenannten „Rüpel-Rapper“ auf den Punkt.

In Sachen Aktivismus finden sich mehrere äußerst lesenswerte Texte im Sammelband, etwa „Slutwalk – keine Angst, keine Schuld, keine Scham“ von Ina Klären und Anne-Carina Lischewski. Politische Projekte zu dokumentieren und rückblickend zu reflektieren finde ich gerade im feministischen Kontext eine ganz zentrale Aufgabe – feministische Geschichtsschreibung lebt mit wenigen Ausnahmen immerhin nach wie vor von ehrenamtlichem Engagement, kleinen Archiven und alternativen Verlagen, Blogger_innen und feministischen Alternativmedien. In „Play Gender“ sind es hauptsächlich in Deutschland verortete Intiativen, die mit einem Beitrag vertreten sind, unter anderem linksradikale Gruppierungen, deren positive Bezugnahme auf militante Aktionen Widerspruch gebraucht hätte. Eine Ausnahme ist das Wiener Kollektiv _tastique, das über ihr „Nach dem Ladyfest“-Festival berichtet. (Übrigens bemerkenswert, dass bei diesem theoretisch gut unterfütterten Projekt Klasse/Klassismus scheinbar überhaupt keine Rolle spielte).

Auch Männerbewegungen sind Teil des Feminismus-Kapitels, Andreas Kemper liefert eine Geschichte der profeministischen Männerbewegung, ein bereits 2010 geführtes Interview mit dem Soziologen Sebastian Scheele ist nach wie vor brandaktuell (und wie ich finde hätte man nicht besser auf die teilweise seltsamen Fragen antworten können). In Sachen Netzfeminismus hätte ich mir mehr erwartet, der einzige (kurze) Beitrag dazu im Buch bietet nur einen sehr allgemein gehaltenen Überblick über Facetten des Themas.

Und dann wäre da noch ein Beitrag zu „(Queer-)Feminismus und Universitätsbetrieb“, auf den ich mich sehr gefreut habe – und der mich leider enttäuscht hat. Als Person, die zunehmend selbst immer größere Probleme mit dem (klassistischen) Uni-Betrieb und seinen spezifischen ungeschriebenen Gesetzen hat (in den Gender Studies schaut das auch nicht wirklich anders aus), bin ich stets auf der Suche nach kritischen Betrachtungen von „innen“. Vojin Saša Vukadinović schießt mit seiner Kritik an den Gender Studies aber weit über das Ziel hinaus und reiht sich fast schon in den Kanon jener ein, die den Gender Studies die Wissenschaftlichkeit gänzlich absprechen.

Zusammengefasst bleibt nur zu sagen: Nehmt das Buch in die Hand!

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PS. Eine gute Alternative zu Amazon ist euer Buchladen um die Ecke, besonders der feministische Buchladen! (Wien: ChickLit)

 

Nachgelesen – Klassismus

Im feministischen Lesekreis beim Verein Genderraum hatten wir diesmal das Thema Klasse/Klassismus gewählt, die vorläufige Leseliste könnt ihr hier ansehen. (Bitte vormerken! Am 20. Jänner um 19 Uhr diskutieren wir im ChickLit!)

Im Einführungsbuch zu Klassismus von Heike Weinbach und Andreas Kemper bin ich auf das 1985 erschienene „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“ der niederländischen Autorin Anja Meulenbelt gestoßen – und es hat mich sehr beeindruckt. Als Lehrperson in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen hat sie Aussagen ihrer Studentinnen gesammelt und verknüpft diese Zitate im Buch mit ihren Beobachtungen und Theorien. Den Beruf der Sozialarbeiterin beschreibt sie als – historisch gewachsen – für unterschiedliche Klassen in den Niederlanden akzeptabel – dementsprechend vielfältig setzen sich die Studentinnen bezüglich ihrer sozialen Herkunft zusammen.

Ich möchte hier einige Zitate aus dem Buch bzw. dem Kapitel „Klassismus“ mit euch teilen, vielleicht bekommt ihr ja auch Lust, es zu lesen.

„Das Bedürfnis, der ‚Oberen‘, sich von den ‚Unteren‘ zu unterscheiden, besteht weiterhin, auch wenn es sich um stillschweigende Absprachen handelt, über die man nicht allzuviel reden darf. Selbst wenn Leute aus den höheren Klassen ständig betonen, dass es doch äußerst wünschenswert sei, wenn ihre – höhere – Kultur von den Leuten aus den unteren Schichten geteilt werde. Bram de Swaan bemerkte bereits, dass wir die Van-Gogh-Reproduktionen, die ‚Vier Jahreszeiten‘ von Vivaldi und die Tänzerinnen Degas‘ von dem Moment an, da sie zur Kultur der unteren Schichten gehören, nicht mehr in den Häusern der Wohlhabenden finden. Wir können also von ‚fallenden Kulturgütern‚ sprechen: Sobald die Fonduesets nicht mehr nur in denen feineren Läden zu kaufen sind, sondern auch in den Supermärkten, kehrt sich die höhere Klasse von ihnen ab.“

Verinnerlichte Unterdrückung funktioniert also auf verschiedenen Ebenen. Durch einen Mangel an Selbstwertgefühl und Zukunftserwartungen, aber auch durch den Druck, die eigenen Gruppe nicht im Stich zu lassen. Wer in eine höhere gesellschaftliche Funktion aufsteigt, macht das meist auf Kosten des Gefühls, irgendwo zu Hause zu sein. Der Versuch, die alte Herkunft zu verbergen, wirkt oft entfremdend: Zwischen zwei Kulturen zu sitzen und in beiden nicht zu Hause zu sein.“

„Die Kultur der Schule ist eine Mittelschichtkultur. Die Gewohnheiten stammen aus der Mittelschicht, auch der Sprachgebrauch. Viele Kinder aus den unteren Klassen erleben die erste Konfrontation mit ihr als Kulturschock. Wollen sie es schaffen, dann müssen sie sich anpassen. In dem Maße, in dem Kinder sich stärker der Mittelschichtsumgebung angleichen, werden sie auch weniger stigmatisiert. (…) Die Tatsache, dass Kinder aus den unteren Klassen im Verhältnis gesehen in der Schule schlechter abschneiden, wird oft mit der „Spracharmut“ von Arbeiterkindern erklärt. (…) Eine amerikanische Untersuchung zeigt, dass ein Viertel des Wortschatzes von Arbeiterkindern in den am häufigsten gebrauchten Lehrbüchern nicht vorkommt. Kommt ein Kind mit einer vom Standardniederländischen abweichenden Sprache auf die Schule, dann wird ihm nicht nur ein neuer Sprachgebrauch beigebracht, die alte Sprache wird ihm auch weggenommen, Wörter und Ausdrücke sind plötzlich nicht mehr akzeptabel.“

„Wie sehr Klassenstellung und Geschlecht miteinander verwoben sind, wird deutlich, wenn wir die gesellschaftliche Stellung von Frauen betrachten, die sich nicht an die Norm der heterosexuellen Familie halten. (…) Für Frauen aus der Arbeiterklasse bedeutet ohne einen Mann leben zu wollen die Notwendigkeit, ‚höher‘ aufzusteigen. Von den Berufen, die Frauen aus der Arbeiterklasse offenstehen, ist es kaum möglich, selbständig existieren zu können.“

„Ähnliches findet sich auch in politischen Bewegungen und in Gewerkschaften. Formal wird in fast jeder fortschrittlichen Einrichtung die Ideologie herrschen, dass Menschen prinzipiell gleichwertig sind, also auch Frauen. In der Praxis aber zeigt sich, dass die vertretene Ideologie und die tatsächlichen Handlungen in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Auf der einen Seite können Männer ein objektives Interesse daran haben, dass Frauen die gleichen Löhne erhalten wie sie. Für Ehepaare bedeutet das ein besseres gemeinsames Einkommen, ein breiter verteiltes Risiko und mehr Freiheit auch für ihn. Auf der politischen Ebene würde die Gleichheit bedeuten, dass Frauen nicht mehr als Streikbrecherinnen oder als Puffer eingesetzt werden könnten, um auch Männerlöhne niedrig zu halten. Aber diese objektiven Interessen verschwinden oft zugunsten der subjektiven Interessen der Männer. Der psychologische Vorteil der ständigen Verfügbarkeit und Unterordnung von Frauen, zu Hause wie auch bei der Arbeit, wiegt stärker. (…) Sich als Mann Frauen überlegen fühlen zu können, macht die eigene Unterdrückung erträglicher.“

 

Bücherkauf in Wien

An dieser Stelle habe ich im Sommer gerne Romane von großartigen Autorinnen empfohlen, nachdem ich im letzten halben Jahr aber viel getan habe, nur nicht Romane gelesen, stelle ich euch stattdessen meine liebsten Buchläden in Wien vor. Ihr wisst ja: Amazon ist nicht unbedingt empfehlenswert und überhaupt haben Buchläden (wenn es nicht gerade große Ketten sind) doch richtig Flair.

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ChickLit
Diesen Laden muss ich wohl wenigen meiner Leser_innen noch vorstellen. Die einzige feministische Buchhandlung Wiens besticht durch ein tolles Sortiment und ebenso tolle Laden-Inhaberinnen, außerdem finden regelmäßig Lesungen, Buchpräsentationen und Diskussionsveranstaltungen statt. Mittlerweile könnt ihr Bücher auch im Online-Shop bestellen.

Frick International
In diesem Geschäft gibt es ein breites Sortiment englischsprachiger Literatur, außerdem russische, spanische, französische und italienische Literatur (auch weitere Sprachen, leider kann ich nicht alle aufzählen). In der Abteilung Politik und Philosophie findet ihr viel linke Literatur, außerdem hat der Laden ein wirklich gutes Sortiment an Zeitschriften, die mensch anderswo nicht findet.

Orlando
Hier trefft ihr auf eine belesene und sympathische Buchhändlerin, die euch gerne Empfehlungen gibt. Tolles Belletristik-Sortiment.

Löwenherz 
In der Löwenherz Buchhandlung liegt der Schwerpunkt auf lesbischer/schwuler/queerer Literatur, auch das Film-Sortiment kann sich sehen lassen. Die Inhaber sind sehr nett und helfen auch bei schwierigen Bestellungen.

ÖGB Buchhandlung 
Hier findet ihr vor allem politische/wissenschaftliche/linke Literatur, der Tisch mit
(queer-)feministischer Literatur ist stets gut gefüllt. Außerdem könnt ihr hier ungestört stöbern.

Kuppitsch
In dieser sehr großen Buchhandlung ist ein umfangreiches Sortiment an wissenschaftlicher Literatur lagernd, zudem gibt es Belletristik, Reiseliteratur, Zeitschriften und viele Angebote.

Bücherbörse im NIG
Hier gibt es gebrauchte Bücher zu einem sehr günstigen Preis, die vor allem für ein Studium an der Uni Wien nützlich sind. Literatur, die ihr nicht mehr benötigt, könnt ihr hier weiterverkaufen. Leider ist das Sortiment in manchen Sparten oftmals dürftig – also los, packt eure Bücher ein und bringt sie ins NIG (sharing is caring)!

Adressen und Öffnungszeiten findet ihr auf den jeweiligen Websites.

PS. Ich würde mich sehr über Roman-Empfehlungen von eurer Seite freuen!

Dynamisch, flexibel, belastbar

Dieser Artikel ist bereits in der März-Ausgabe der an.schläge erschienen.

Bettina Haidinger und Käthe Knittler verknüpfen in ihrem Einführungsband in die feministische Ökonomie ökonomisches Basiswissen mit emanzipatorischen politischen Forderungen.

Auf dem „wirtschaftspolitischen Datenblatt“, das auf der Website des österreichischen Wirtschaftsministeriums heruntergeladen werden kann, reihen sich Zahlenkolonnen und Kurven feinsäuberlich aneinander. Investitionsbestände und Abgabenquoten können dort nachgelesen werden, Wirtschaftspolitik lässt sich in Formeln fassen, so der Eindruck. Ökonomie als Formalwissenschaft, die sich komplexer mathematischer und statistischer Methoden bedient, ist jedoch eine historisch junge Erscheinung: Im Zuge der Ablösung der Klassik durch die Neoklassik gegen Ende des 19. Jahrhunderts trat der „homo oeconomicus“ auf die Bühne: das rationale, unabhängige und geschichtslose Individuum, stets darauf bedacht, seinen Nutzen zu maximieren.

It’s all about the money. Welche Folgen dieser Wandel nach sich zog, skizzieren Bettina Haidinger und Käthe Knittler in ihrer Einführung in die Entwicklung und Strategien der feministischen Ökonomie. In neun thematisch gegliederten Kapiteln zeichnen sie kontroverse (innerfeministische) Debatten um ausgeblendete Macht- und Ausbeutungsstrukturen nach. Denn die systemerhaltende unbezahlte Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, findet meist keinen Eingang in wirtschaftliche Kennzahlen, in den Mainstream der Volkswirtschaftslehre. Diesem Umstand setzen feministische Ökonominnen seit vielen Jahrzehnten (mehr oder weniger erfolgreich) Initiativen entgegen, um die „blinden Flecken“ der Ökonomie aufzudecken und sich gegen die Trennung in Markt und Privathaushalt zu stellen. Am Beginn ihres Buches widmen die Autorinnen Pionierinnen der Ökonomie ein Kapitel, so etwa Harriet Taylor Mill und der Österreicherin Käthe Leichter, die bereits in den 1930er Jahren Reproduktionsarbeit und Freizeit – und nicht nur Lohnarbeit – in ihren empirischen Studien berücksichtigte.

X mal 100 = Ausbeutung. Mittlerweile – wenn auch nicht in allen Bereichen – gibt es differenzierte Statistiken zur Lohnschere, Zeitbudgetstudien und andere Untersuchungen, die Diskriminierungen sichtbar machen und damit die notwendige quantitative Basis für die Arbeit feministischer/kritischer Ökonom_innen. Doch das umfangreiche Zahlenmaterial ist ambivalent zu sehen, wie Haidinger und Knittler schildern. Nicht nur wird in (durchaus sinnvollen) statistischen Erhebungen entlang der Kategorisierung in Männer und Frauen Zweigeschlechtlichkeit reproduziert und einzementiert, auch werden komplexe Macht- und Abhängigkeitsstrukturen vielfach nicht erfasst bzw. weiter erforscht. „Das Patriarchat ist keine auf Zahlen basierende Formel“, bringen es die Autorinnen auf den Punkt. Auch die Debatte rund um Care-Ökonomie und den Care-Begriff und die Haushaltsarbeitsdebatte der 70er-Jahre zeichnen Haidinger und Knittler ausführlich nach, im Kapitel „Makroökonomie und Geschlechterverhältnisse“ werden volkswirtschaftliche Grundbegriffe bzw. -probleme knapp erklärt.

Empört euch! Den Autorinnen gelingt es, mithilfe von inhaltlichen und historischen Querverweisen eindrücklich darzustellen, dass Wirtschaft bzw. Kapitalismus keine ahistorische Gegebenheit, sondern ein von Menschen gestaltetes politisches Feld ist. Und, dass es dringend feministische Aufmerksamkeit für ökonomische Fragestellungen braucht. Schließlich ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die Ökonomie angesichts eines kulturwissenschaftlichen Fokus an den Rand gedrängt worden, auch sind „unheilige Allianzen“ zwischen neoliberalen und feministischen Ideen auszumachen. Im modernen Kapitalismus werden Frauen im Namen der Gleichstellungspolitik – egal unter welchen Bedingungen – für den Arbeitsmarkt verfügbar gemacht und im Bereich der Reproduktionsarbeit neue globale Ungleichheitsachsen verfestigt. Die Erwerbsarbeit hat nicht die erhoffte Befreiung gebracht: Frauen, Migrant_innen arbeiten dort, wo besonders niedrige Löhne gezahlt und prekarisierte Bedingungen vorzufinden sind. Zeit, konkrete Utopien zu entwerfen – bei Haidinger und Knittler sind sie postpatriarchal und postkapitalistisch.

Cover: Feministische Ökonomie

Bettina Heidinger und Käthe Knittler: Feministische Ökonomie, Mandelbaum Verlag 2013

Lesestoff

Ich habe gerade viel Zeit zum Lesen. Nun gut, Arbeit wartet auch eine Menge auf mich, aber aufgrund meines Gipsverbands fallen Dinge wie ausgedehnte Spaziergänge oder Tanzabende erst mal flach. In den vergangenen Wochen habe ich drei Bücher gelesen, die so unglaublich gut sind, dass ich sie mit euch teilen muss. Vermutlich kennen sie die meisten meiner Leser_innen schon – es handelt sich zum Teil um echte Klassiker -, dennoch hier die Titel:

Maja Haderlap: Engel des Vergessens
Die Theaterwissenschafterin und Kärntner Slowenin hat 2011 mit ihrem Debütroman den Bachmann-Preis gewonnen. In „Engel des Vergessens“ erzählt sie die Geschichte ihrer Kindheit und jene der Kärtner Slowen_innen während des 2. Weltkriegs. Rezensionen lest ihr am besten hier, hier oder hier. (Empfohlen hat mir dieses Buch Ulli Koch)

Brigitte Schwaiger: Wie kommt das Salz ins Meer
„Wie kommt das Salz ins Meer“ erschien 1977 und verkaufte sich im deutschsprachigen Raum über 500.000 Mal. Ein zeitloser Bestseller, in dem die Protagonistin von ihrem „provinziellen, biederen Elternhaus“ und der „nicht weniger provinziellen bürgerlichen Ehe“ erzählt. „Auf amüsante Weise vernichtend, sozialkritischer, als absichtsvolle Sozialkritik jemals sein könnte“, schreibt Friedrich Torberg über das Buch. Schwaiger verstarb 2010, ein Porträt der Schriftstellerin könnt ihr hier lesen.

Ruth Klüger: Weiter leben. Eine Jugend
Die Literaturwissenschaftlerin erzählt von ihrer Kindheit in Wien während der NS-Zeit, von der Zeit in den Vernichtungslagern und dem Weiterleben danach und beleuchtet das Verdrängen und Vergessen, die Sinnlosigkeit und die „Erinnerungskultur“. Pflicht-Lektüre! Renata Schmidtkunz hat „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ verfilmt.