Nachgelesen – Klassismus

Im feministischen Lesekreis beim Verein Genderraum hatten wir diesmal das Thema Klasse/Klassismus gewählt, die vorläufige Leseliste könnt ihr hier ansehen. (Bitte vormerken! Am 20. Jänner um 19 Uhr diskutieren wir im ChickLit!)

Im Einführungsbuch zu Klassismus von Heike Weinbach und Andreas Kemper bin ich auf das 1985 erschienene „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“ der niederländischen Autorin Anja Meulenbelt gestoßen – und es hat mich sehr beeindruckt. Als Lehrperson in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen hat sie Aussagen ihrer Studentinnen gesammelt und verknüpft diese Zitate im Buch mit ihren Beobachtungen und Theorien. Den Beruf der Sozialarbeiterin beschreibt sie als – historisch gewachsen – für unterschiedliche Klassen in den Niederlanden akzeptabel – dementsprechend vielfältig setzen sich die Studentinnen bezüglich ihrer sozialen Herkunft zusammen.

Ich möchte hier einige Zitate aus dem Buch bzw. dem Kapitel „Klassismus“ mit euch teilen, vielleicht bekommt ihr ja auch Lust, es zu lesen.

„Das Bedürfnis, der ‚Oberen‘, sich von den ‚Unteren‘ zu unterscheiden, besteht weiterhin, auch wenn es sich um stillschweigende Absprachen handelt, über die man nicht allzuviel reden darf. Selbst wenn Leute aus den höheren Klassen ständig betonen, dass es doch äußerst wünschenswert sei, wenn ihre – höhere – Kultur von den Leuten aus den unteren Schichten geteilt werde. Bram de Swaan bemerkte bereits, dass wir die Van-Gogh-Reproduktionen, die ‚Vier Jahreszeiten‘ von Vivaldi und die Tänzerinnen Degas‘ von dem Moment an, da sie zur Kultur der unteren Schichten gehören, nicht mehr in den Häusern der Wohlhabenden finden. Wir können also von ‚fallenden Kulturgütern‚ sprechen: Sobald die Fonduesets nicht mehr nur in denen feineren Läden zu kaufen sind, sondern auch in den Supermärkten, kehrt sich die höhere Klasse von ihnen ab.“

Verinnerlichte Unterdrückung funktioniert also auf verschiedenen Ebenen. Durch einen Mangel an Selbstwertgefühl und Zukunftserwartungen, aber auch durch den Druck, die eigenen Gruppe nicht im Stich zu lassen. Wer in eine höhere gesellschaftliche Funktion aufsteigt, macht das meist auf Kosten des Gefühls, irgendwo zu Hause zu sein. Der Versuch, die alte Herkunft zu verbergen, wirkt oft entfremdend: Zwischen zwei Kulturen zu sitzen und in beiden nicht zu Hause zu sein.“

„Die Kultur der Schule ist eine Mittelschichtkultur. Die Gewohnheiten stammen aus der Mittelschicht, auch der Sprachgebrauch. Viele Kinder aus den unteren Klassen erleben die erste Konfrontation mit ihr als Kulturschock. Wollen sie es schaffen, dann müssen sie sich anpassen. In dem Maße, in dem Kinder sich stärker der Mittelschichtsumgebung angleichen, werden sie auch weniger stigmatisiert. (…) Die Tatsache, dass Kinder aus den unteren Klassen im Verhältnis gesehen in der Schule schlechter abschneiden, wird oft mit der „Spracharmut“ von Arbeiterkindern erklärt. (…) Eine amerikanische Untersuchung zeigt, dass ein Viertel des Wortschatzes von Arbeiterkindern in den am häufigsten gebrauchten Lehrbüchern nicht vorkommt. Kommt ein Kind mit einer vom Standardniederländischen abweichenden Sprache auf die Schule, dann wird ihm nicht nur ein neuer Sprachgebrauch beigebracht, die alte Sprache wird ihm auch weggenommen, Wörter und Ausdrücke sind plötzlich nicht mehr akzeptabel.“

„Wie sehr Klassenstellung und Geschlecht miteinander verwoben sind, wird deutlich, wenn wir die gesellschaftliche Stellung von Frauen betrachten, die sich nicht an die Norm der heterosexuellen Familie halten. (…) Für Frauen aus der Arbeiterklasse bedeutet ohne einen Mann leben zu wollen die Notwendigkeit, ‚höher‘ aufzusteigen. Von den Berufen, die Frauen aus der Arbeiterklasse offenstehen, ist es kaum möglich, selbständig existieren zu können.“

„Ähnliches findet sich auch in politischen Bewegungen und in Gewerkschaften. Formal wird in fast jeder fortschrittlichen Einrichtung die Ideologie herrschen, dass Menschen prinzipiell gleichwertig sind, also auch Frauen. In der Praxis aber zeigt sich, dass die vertretene Ideologie und die tatsächlichen Handlungen in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Auf der einen Seite können Männer ein objektives Interesse daran haben, dass Frauen die gleichen Löhne erhalten wie sie. Für Ehepaare bedeutet das ein besseres gemeinsames Einkommen, ein breiter verteiltes Risiko und mehr Freiheit auch für ihn. Auf der politischen Ebene würde die Gleichheit bedeuten, dass Frauen nicht mehr als Streikbrecherinnen oder als Puffer eingesetzt werden könnten, um auch Männerlöhne niedrig zu halten. Aber diese objektiven Interessen verschwinden oft zugunsten der subjektiven Interessen der Männer. Der psychologische Vorteil der ständigen Verfügbarkeit und Unterordnung von Frauen, zu Hause wie auch bei der Arbeit, wiegt stärker. (…) Sich als Mann Frauen überlegen fühlen zu können, macht die eigene Unterdrückung erträglicher.“

 

Gockelhafte Welt

Dieser Text ist in der Juni-Ausgabe der an.schläge erschienen.

Susanne Riegler ist eine der wenigen Aufdeckungsjournalistinnen in Österreich. Ein Porträt.

In den 1980er-Jahren war Österreich noch etwas enger als heute. Provinzieller, kleinbürgerlicher – und vor allem patriarchaler. Wenngleich Johanna Dohnal gemeinsam mit der sozialistischen Regierung Kreisky bereits eine frauenpolitische Wende eingeläutet hatte, wurde das Land immer noch von alten, mächtigen Männern regiert. Im Burgenland war es Landeshauptmann Theodor Kery, der von 1966 bis 1987 – länger als jeder andere – ein Bundesland mit absoluter Mehrheit regierte. Ähnlich wie Reformkanzler Bruno Kreisky stand er für Modernisierung und Aufschwung. Doch ganz im Gegensatz zum Kanzler frönte er eigenwilligen Leidenschaften: In seinem Haus lagerten rund vierzig Waffen: Pistolen und sogar Maschinengewehre. Kery, einst NSDAP-Mitglied, verband zudem eine Freundschaft mit Tobias Portschy, Nationalsozialist und ehemaliger Gauleiter. „Das muss man sich einmal vorstellen“, sagt Susanne Riegler, die den Waffenbesitz aufdeckte. „Ein sozialistischer Landeshauptmann trifft sich regelmäßig mit dem ehemaligen Gauleiter in dessen Wirtshaus, und alle wissen das“, erinnert sich Riegler im Gespräch.

Die damalige Jungjournalistin arbeitete zu dieser Zeit als Freie für das monatlich erscheinende Fellner-Magazin „Basta“, angetrieben vom Wunsch, soziale Missstände aufzudecken. Ihre ersten Texte hatte sie beim 1982 eingestellten „Extrablatt“ veröffentlicht, eine Art linkes Gegenprojekt zum bürgerlichen Profil, wo auch Elfriede Jelinek und Christoph Ransmayr publizierten. „Während meines Publizistikstudiums bin ich nach Südafrika gereist. Die Eindrücke, die das Apartheitsregime bei mir hinterlassen hat, haben mich so bestürzt, dass ich danach meinte, über solche Missstände informieren und aufklären zu müssen – eigentlich ein sehr naiver Zugang damals“, erzählt Susanne Riegler über den Beginn ihrer Karriere als eine der ersten und sehr wenigen investigativen Journalistinnen Österreichs.

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Nationalratspräsidentin und ehemalige Frauenministerin Barbara Prammer ist Anfang August an ihrem Krebsleiden verstorben. Die 60-Jährige Sozialdemokratin galt unter anderem als engagierte Antifaschistin, in ihrer Amtszeit hat sie die Demokratiewerkstatt ins Leben gerufen. Ein Nachruf (unter vielen) findet sich hier.

Der Frauenring hat eine Petition für geschlechtergerechte Sprache gestartet. Über 2.100 Menschen haben sie bereits online unterzeichnet. Eine Stellungnahme zum Brief der 800 in der Krone gibt es mittlerweile auch vom Institut für Germanistik der Uni Wien.

Gesundheitsminister Stöger möchte Abtreibungen endlich auch in Vorarlberg und Tirol in öffentlichen Spitälern angeboten sehen. Über eine furchtbare Stellungnahme dazu vom Leiter der Uniklinik Innsbruck schreibt Beate Hausbichler.

Die Sommer-Ausgabe der an.schläge widmete sich dem Schwerpunktthema Veganismus. Einige Artikel gibt es online nachzulesen.

Der Spiegel berichtet über minderjährige Flüchtlinge aus Mittelamerika.

Das Magazin Datum hat Clemens Lahner, den Anwalt von Josef S. interviewt. Josef S. wurde im Zuge der Proteste gegen den Wiener Akademikerball verhaftet  und schließlich verurteilt.

Über den Prozess gegen Josef S. und die österreichische Justiz hat die Frankfurter Rundschau einen treffenden Artikel veröffentlicht.

Das Projekt „Prozessreport“ berichtet online von Prozessen, im September startet der Fluchthilfeprozess gegen acht Refugees.

Sexarbeit: Lohnsteuer ja, Arbeitsrechte nein“ – Über die Ausgrenzung von Sexarbeiterinnen im Wiener Bezirk Floridsdorf.

Mahriah und Heike haben auf Radio Orange über das Wiener Femcamp gesprochen.

Die Hymne, Gabalier und Werbegelder

Schon 2011 habe ich über die Töchter und die Bundeshymne gebloggt. Ich wollte eigentlich nie mehr über das Thema schreiben (warum ich die Töchter in der Hymne gut finde, könnt ihr im Blogbeitrag nachlesen), mich nie mehr mit den „Haben wir denn keine anderen Sorgen!“-Menschen auseinandersetzen. Aber dann singt ein Schlagerstar bei einem Energy-Drink-Autorennen die Bundeshymne und ganz Österreich hat keine anderen Sorgen interessiert sich dafür. Mit den Aussagen von Andreas Gabalier möchte ich mich gar nicht im Detail auseinandersetzen, er hat gestern im ZIB24-Interview ziemlich viel Blödsinn gesagt (unter anderem, dass sich das Parlament doch nach den Foren-Poster_innen richten solle). Ich hoffe ja fast, dass diese ganze Aktion ein PR-Stunt seines Managements ist und er nicht wirklich hochmotiviert durch Österreich tingelt, um „österreichisches Kulturgut zu erhalten“.

Dass die ZIB24 eine Studio-Diskussion organisiert und Ö3 auf seiner Website über die Töchter in der Hymne abstimmen lässt – mittlerweile hat auch Steiermark.orf.at mit einer noch blöderen Abstimmung nachgelegt – ärgert mich (Der Text ist eigentlich gesetzlich festgelegt, wer sich für den juristischen Aspekt interessiert, sollte am Frauenring dranbleiben). Ich unterstelle dem ORF nämlich, dass hier einfach auf die Klickzahlen geschielt wird, weil das Thema so schön polarisiert. Über 90 Prozent stehen auf der Ö3-Website hinter Gabalier und ich kann mir gut vorstellen, dass der Radiosender das Endergebnis mit „Österreich hat abgestimmt“ oder so ähnlich präsentiert. Dass eine solche Abstimmung repräsentativ sei, glaubt ja auch Herr Gabalier. Natürlich lässt sich so eine Geschichte medial gut ausschlachten, aber zumindest der ORF (wie war das noch mal mit dem öffentlichen Auftrag?) könnte sich solche billigen Strategien sparen. Mich frustriert es auch deshalb, weil ich in der Rolle der Öffentlichkeitsarbeiterin immer wieder mal versuche, Medien für feministische Themen zu interessieren – was verdammt schwierig ist. Im März habe ich mich zuletzt besonders geärgert: Da wird die größte Studie zu Gewalt gegen Frauen in sämtlichen EU-Ländern präsentiert und die Berichterstattung des öffentlichen Rundfunks fällt äußerst dürftig aus. Ich hätte mir z.B. ein „Im Zentrum“ zu dem Thema gewünscht (den „Club 2″ gibt es ja nicht mehr), fundierte Diskussionen mit Expert_innen zu Hintergründen usw. Leider nein.

Bin ich jetzt eigentlich selbst eine von den „Haben wir denn keine anderen Sorgen!“-Menschen? Unterschätze ich die Bedeutung der Diskussion? Was ich auf jeden Fall unglaublich lustig finde: Mir begegnen oft Menschen, die meinen, „die Feministinnen“ würden sich vorrangig um Sprache und „andere Banalitäten“ statt um die wirklichen Probleme kümmern. Besonders eifrig melden sie sich aber dann zu Wort, wenn es um das Binnen-I, den Begriff Heteronormativität oder einen geänderten Hymnen-Text geht. Die Bedeutung von Sprache kann mensch offensichtlich gar nicht überschätzen.

Zum Schluss noch ein Vorschlag für den ORF, falls schon die nächste Diskussionssendung in Planung ist: Interessant wären doch die Fragen (worauf mich gerade eine Kollegin hingewiesen hat), wozu es Nationalhymnen eigentlich braucht und welche Töchter und Söhne denn da gemeint sind.

PS. Zum an die Wand pinnen noch ein Zitat von Brigitte Hornyik, Verfassungsjuristin und stv. Vorsitzende des Frauenrings: „In der Frauenpolitik gibt es sehr viel zu tun, wenn nicht einmal symbolische Signale für den gesellschaftlichen Wert der Frauen in der Gesellschaft unumstritten sind.“

Andere Blogbeiträge zum Thema:

Ingrid Brodnig über den Shitstorm gegen Gabriele Heinisch-Hosek
Barbara Kaufmann ebenfalls über die Ministerin und hasserfüllte Sprache

Vom Burgtheater und anderen patriarchalen Krisenfeldern

Dieses Interview mit Barbara Klein ist bereits in der Mai-Ausgabe der an.schläge erschienen. 

Nachdem Matthias Hartmann im März fristlos entlassen wurde, steht nun mit Interimsdirektorin Karin Bergmann erstmals eine Frau an der Spitze des Burgtheaters. Überrascht dich das?

Barbara Klein: Nein. Wo aufgeräumt werden muss, greift man gerne auf Frauen zurück. Karin Bergmann hat auch selbst in einem Interview gesagt, dass sie schon als Trümmerfrau bezeichnet wird. Außerdem gibt es für sie keine Gewissheit darüber, ob sie als Direktorin bleiben darf, wenn sie das will. Sie muss das Desaster jetzt in Ordnung bringen, da wird wohl Menschenunmögliches von ihr verlangt. Und das, nachdem die gesamten Aufsichtsräte versagt haben. Das ist wirklich unglaublich, vor allem wenn ich daran denke, dass bei uns in der Freien Szene jede Rechnung dreimal umgedreht wird. Und am Burgtheater sind die Millionen einfach so ausgegeben worden auf irgendwelche mündlichen Zusagen hin. Dabei haben die dort Aufsichtsräte und eine Holding – die wir nicht haben. Wie kann das also passieren? Solche Ereignisse sind schlecht für die zeitgenössische Kunst insgesamt, weil das am Stammtisch leicht ausgeweitet wird, und man meint, alle würden so agieren und gehen mit 250.000 Euro im Sackerl raus, ohne sich dafür verantworten zu müssen. Die Gefahr ist groß, dass es auf die gesamte Theaterszene zurückfällt, auch auf uns, die wir korrekt und mit einem Bruchteil des Geldes arbeiten – und noch dazu wesentlich innovativer als die meisten der restaurativen Tanker.

2011 hat sich Sonja Ablinger angesehen, wie viele Frauen als Leiterinnen, Autorinnen oder Regisseurinnen an deutschsprachigen Theatern tätig sind und festgestellt, dass sie fest in Männerhand sind. Sollte es an den Staatstheatern verpflichtende Quoten geben?

Unbedingt. Das lässt sich ja auch ganz leicht umsetzen. Es ist eine klare Sache, dass Frauen als Kunstkonsumentinnen deutlich überrepräsentiert sind, also nicht nur im KosmosTheater, jedes Publikum besteht mehr oder weniger zu sechzig Prozent aus Frauen und zu vierzig Prozent aus Männern. Und diese Frauen bekommen eine Welt vorgesetzt, die mit ihrer relativ wenig zu tun hat. Diese konservative Theaterwelt ist einfach eine urpatriarchale, um nicht zu sagen phallokratische Welt, die nicht einmal im Ansatz kritisiert wird. Und dann wundert man sich, dass junge Leute keinen Zugang finden zur Sprechkunst. Natürlich muss eine Quote her, es gibt an den großen Bühnen im deutschsprachigen Raum nach wie vor nur fünf bis zehn Prozent Autorinnen. An den kleineren Häusern ist es leider auch nicht viel besser, der Großteil der Kulturinstitutionen ist in männlicher Hand. Natürlich heißt das nicht, dass sich alles ändert, wenn einmal eine Frau die Leitung übernimmt. Es ist ein strukturelles Problem, es braucht sehr viel mehr Frauen in leitenden Positionen, nicht nur Einzelkämpferinnen. Und dann immer diese Ausrede, dass es in den Klassikern eben mehr Männerrollen gäbe und man deshalb nichts tun könne. Natürlich kann man etwas tun, nämlichvermehrt zeitgenössische Kunst spielen – so wie wir das tun.

Die IG Freie Theaterarbeit hat jüngst kritisiert, dass es am sozialdemokratischen Gespür für Verteilungsgerechtigkeit mangle. In Wien ist im letzten Jahrzehnt das Budget für darstellende Kunst signifikant gestiegen, von 73 Mio. Euro im Jahr 2004 auf 101 Mio. Euro im Jahr 2010, der Großteil des Zuwachses ging allerdings an Großbühnen – allein die Renovierung des Musical-Theaters Ronacher kostete einen zweistelligen Millionenbetrag.

Ja, ausreichend gefördert werden fast ausschließlich die großen Häuser. Es wird insgesamt immer weniger die Kunst selbst gefördert, auch in der bildenden Kunst gibt es kaum mehr Ankäufe zeitgenössischer Werke durch den Staat. Nur in die eh schon Bekannten und sozusagen in die Wertsteigerung zu investieren, das bringt die Kunst nicht weiter. Wo soll der Nachwuchs herkommen, woher die neuen Ideen, die politische Kunst? Es geht ja fast nur noch um den Marktwert, um Marketing, das ist tödlich für die Kunst, für den Nachwuchs und für die Lebendigkeit. Und wenn man meint, Kunst auf den Tourismus ausrichten zu müssen, dann sollte auch das Geld dafür aus dem Tourismus kommen und nicht aus dem Kulturbudget. Außerdem ist es eine furchtbar kurzsichtige Haltung, wenn das Neue und Innovative nicht gehegt und gepflegt wird. Aber es deckt sich mit der Gesamtpolitik, wo auch nur noch in Legislaturperioden gedacht wird.

Seit 1. März 2014 fungiert Josef Ostermayer als Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und öffentlichen Dienst, zuvor waren Kunst und Kultur im Unterrichtsministerium angesiedelt. Siehst du darin eine Aufwertung der Kulturpolitik?

Nein, also das kann keine Aufwertung sein. Ähnlich wie bei der Frauenpolitik braucht es ein eigenes Ministerium mit ausreichendem Budget und nicht nur eine Hülle. darüber, was von Ostermayer zu erwarten ist, kann ich noch nicht viel sagen. Hartmann hat er ja bereits fallen gelassen, aber ob strukturell etwas geändert wird und die Rolle der Holding hinterfragt wird, das kann man noch nicht erkennen. Sagenhaft ist, dass mittlerweile alle großen Häuser in dieselbe Kerbe schlagen: Wir brauchen mehr Geld – das ja nicht vorhanden ist, nachdem es die Hypo fressen wird. Und wir haben keine Chance, darzulegen, was für ein großes Potenzial in der Szene vorhanden ist und wie wichtig es wäre, Theater abseits der großen Häuser zu fördern. Auch arbeiten KünstlerInnen viel zu oft prekär oder geringfügig, hier muss einmal für Gleichstellung gesorgt werden. Wie kann es sein, dass Leute an großen Häusern sozialrechtlich abgesichert sind und KünstlerInnen, die die gleiche Arbeit unter wesentlich schwierigeren Bedingungen machen, letztendlich mit leeren Händen dastehen?

Matthias Hartmann hat bei der Feier zum 125-Jahr-Jubiläum des Burgtheaters die Theater als Rückgrat für das kulturelle Selbstbewusstsein Österreichs bezeichnet. Profitieren kleinere Theater denn von Häusern wie der Burg?

Nein, da besteht eine große Kluft, es gibt überhaupt keine Wechselwirkung – mit wenigen Ausnahmen. Wir haben zum Beispiel die Schauspielerin und Regisseurin Elisabeth Augustin sehr stark ins KosmosTheater eingebunden, weil sie sich sehr für Frauen engagiert und eine großartige Künstlerin ist. Auch unseren aktuellen Autorinnen-Wettbewerb haben wir aufgrund ihrer Initiative gestartet. Aber das hat etwas mit persönlichem Kontakt und gegenseitiger Wertschätzung zu tun. Insgesamt gibt es ganz wenig Kommunikation, keinen wirklichen Austausch. Es ist offensichtlich ein No-Go für Burgdirektoren, KünstlerInnen aus der Szene auch nur gastweise zu beschäftigen oder zu testen, und umgekehrt werden die SchauspielerInnen nicht freigestellt. Also wenn wir jemanden für ein Stück anfragen, dann geht das allenfalls, wenn die Person bereits pensioniert ist. Auch inhaltlich gibt es kaum Anbindung, wenig Austausch beim Publikum. Das sieht man immer daran, welche Begeisterung es in der Burg gibt, wenn einmal statt teuren Bühnenbildern nur einfache Mittel eingesetzt werden – das gibt es bei uns seit eh und je, schon aus Not.

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Foto: Bettina Frenzel

Barbara Klein ist Gründerin und Intendantin des KosmosTheaters Wien, dem „Theater mit dem Gender“, dessen Spielplan überwiegend aus Stücken von Dramatikerinnen besteht, die zumeist von Regisseurinnen inszeniert werden.