Rezension: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag

Für das Missy Magazine habe ich mit Autorin Julia Roßhart über ihr Buch, Klassismus in feministischen Szenen und das Schweigen über Geld und Herkunft gesprochen. (Interview online nur für Mitglieder zugänglich, gedruckt in der Ausgabe 3/2017 lesbar)

Klassismus als Thema akademisch-feministischer Binnenkritik wird angesichts bildungsbürgerlicher Dominanz und elitärer Normen im Hochschul-Kontext nicht offensiv angegangen, sondern „ignoriert, verdrängt und tabuisiert“ – diesen Befund stellt die Soziologin Julia Roßhart ihrem Buch „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“ voran. Mit ihrer Dissertation, die sich feministischen Akteurinnen in der BRD der 1980er- und 90er-Jahre widmet, möchte die Autorin dementsprechend dazu beitragen, Forschungslücken zu schließen und weitere – dringend notwendige – Auseinandersetzungen anzuregen. Roßhart hat anhand von Dokumenten, ergänzt durch Gespräche mit Protagonistinnen, verschiedene Formen anti-klassistischer Interventionen innerhalb feministischer Gruppen und Szenen aufgearbeitet: Kritische Reflexionen der eigenen Klassenherkunft waren ebenso wie konkrete Umverteilungsmaßnahmen Versuche, mit Diskriminierungserfahrungen und Privilegien umzugehen. Federführend waren es lesbische Aktivistinnen, die – ohne Zugang zu männlichen Privilegien durch heterosexuelle Partnerschaften, so eine These – Unterschiede und Ausgrenzungen zwischen Frauen und Lesben zum Thema machten. „Ich hoffe sehr, dass es in zwanzig Jahren nicht erst einer Archivrecherche bedarf, um anti-klassistische Interventionen und Perspektiven zu erinnern“, schreibt Roßhart.*

Julia Roßhart: Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er- und 90er-Jahre in der BRD. w_orten & meer 2016

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*Diese Rezension ist bereits in an.schläge II/2017 erschienen.

Technologie für die Eliten

Dieses Interview ist in der Ausgabe 3/2016 der an.schläge erschienen.

Brigitte Theißl hat mit der Soziologin Daniela Schuh darüber gesprochen, warum es auch in der Wissenschaft demokratische Mitsprache braucht.

Commons sind in der digitalisierten Wissensgesellschaft ein heißt umkämpftes Thema: Einerseits werden über Creative Commons Inhalte öffentlich geteilt, andererseits kämpfen Interessengruppen für ein rigides Urheberrecht. Wie ist das in der Wissenschaft: Welche Debatten gibt es darüber, wem Forschungsergebnisse „gehören“, die an öffentlich finanzierten Universitäten gewonnen wurden?

Open Access (freier Zugang, Anm. ) ist zu einem brennenden Thema innerhalb der Wissenschaft geworden und es gibt viele Argumente dafür, Forschungsergebnisse im Internet kostenfrei verfügbar zu machen. So könnten wir die Auffindbarkeit wissenschaftlicher Publikationen fördern und die Kommunikation innerhalb verschiedener Disziplinen, aber auch über die Wissenschaft hinaus verbessern. Auch die Kosten, die Universitäten und andere wissenschaftliche Institutionen übernehmen müssen, um Student*innen und Forscher*innen den Zugang zu diversen Fachzeitschriften zu ermöglichen, könnten mit einer offenen Publikationskultur eingespart werden. Nicht zuletzt wird Forschung in weiten Teilen von öffentlichen Geldern finanziert, weshalb sich ein restriktiver Zugang grundsätzlich nicht rechtfertigen lässt.

Leider ist das Publizieren von Open-Access-Artikeln aber oft mit hohen Gebühren verbunden: Beim Springer-Verlag kostet das Publizieren eines Open-Access-Textes etwa 3.000 US-Dollar zuzüglich Steuern – was von den Autor*innen bzw. deren Forschungseinrichtungen bezahlt werden muss. Wie diese Kosten entstehen, ist dabei nicht transparent. Ich begrüße den Schritt hin zu Open Access sehr, denke aber, dass wir uns unbedingt Gedanken über neue Ausschlussmechanismen machen müssen.

Neu entwickelte Technologien haben häufig massive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Existiert hier ein demokratischer Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Das ist eine sehr zentrale Fragestellung in der Wissenschafts- und Technikforschung.. Es gibt hier große technologiespezifische Unterschiede. In Österreich existieren im europäischen Vergleich noch wenig Initiativen, um diesen Austausch zu fördern, gerade im Gesundheitsbereich nehmen sie aber zu. Aktuell läuft etwa die Initiative „Reden Sie mit“ des Ludwig-Boltzmann-Instituts, bei der es um mentale Erkrankungen geht. Generell besteht aber die Gefahr, dass ein solcher Austausch einseitig bleibt und es auf einen Informationsfluss von der Wissenschaft an die Öffentlichkeit hinausläuft. Außerdem ist es demokratiepolitisch bedenklich, wenn die Öffentlichkeit erst dann miteinbezogen wird, nachdem Finanzierungsentscheidungen bereits getroffen wurden.

Universitäten werden zunehmend von privaten Geldgeber*innen (teil)finanziert. Wie kann in einem solchen Umfeld sichergestellt werden, dass Forschung öffentlichen Interessen dient?

Die Antwort der privaten Geldgeber*innen würde vermutlich lauten: Hier vollzieht sich eine Selbstregulierung, weil wir darauf achten, was der Markt – und damit die Gesellschaft – braucht. Doch es besteht die Gefahr, dass letztendlich nur die Interessen einer zahlungsfähigen Öffentlichkeit gehört werden bzw. die Wissenschaft nur die Bedürfnisse von ohnehin privilegierten Menschen bedient. Diese Tendenz zeichnet sich längst ab – aber es gibt immer noch Steigerungsstufen.

Die interdisziplinär ausgerichtete Lebenswissenschaft und insbesondere die personalisierte Medizin sind aktuell Bereiche, in die Unternehmen massiv investieren. Welche Gefahren bestehen, wenn medizinische Dienstleistungen zunehmend privatisiert werden? 

Personalisierte Medizin, also das Berücksichtigen individueller Faktoren in Therapien, muss nicht unbedingt mit einer Privatisierung einhergehen, doch es gibt bedenkliche Entwicklungen. Genetisches Screening ist etwa auf dem Vormarsch, während vergleichsweise simple Parameter wie Geschlecht oder Alter bei der Medikamentengabe nach wie vor unberücksichtigt bleiben. Mit diesem Thema sind natürlich auch wissenschaftliche Karrieren verbunden: Eine Publikation zu genetischem Screening kann mitunter weitaus prestigeträchtiger sein als eine zum Thema Altern. Zudem besteht eine weitere massive Diskrepanz: Ausgehend von Entwicklungen hin zu personalisierter Medizin entstehen unterschiedlichste Angebote wie etwa Bio-Banks, die Zellen konservieren und sozusagen eine biologische Lebensversicherung anbieten. Dienstleistungen wie diese werden voraussichtlich nur wenigen Menschen zugutekommen. Die zugrundeliegende Forschung wird hingegen öffentlichen finanziert. Zugleich hat ein Teil der Weltbevölkerung nach wie vor keinen Zugang zu basismedizinischer Versorgung, selbst in Österreich ist Zahnersatz für viele Menschen kaum leistbar. Es stellt sich also die Frage, wofür Ressourcen eingesetzt werden und wer diese Entscheidungen trifft. Die Gefahr auf eine zunehmenden Klassenmedizin hinzusteuern sowie mögliche Auswege müssen transparent gemacht und in einem demokratischen Prozess zur Debatte gestellt werden.

Daniela Schuh ist Universitätsassistentin am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung in Wien.

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Bei den an.schlägen haben wir eine frauen*politische Interview-Serie mit Politikerinnen aus fünf Parteien gestartet. Die Interviews mit Heidi Ambrosch (KPÖ), Beate Meinl-Reisinger (Neos) und Eva Glawischnig (Grüne) könnt ihr bereits in voller Länge online nachlesen. In der nächsten Ausgabe folgt Dorothea Schittenhelm von der ÖVP.

Apropos Interviews: Auf standard.at wurden in den vergangenen Wochen zwei spannende Interviews veröffentlicht: Birgit Sauer und Sushila Mesquita sprechen über feministische Wissenschaft an den Universitäten, Alexandra Weiss über das Erbe der Zweiten Frauenbewegung.

Von 1. bis 3. Mai findet in Wien zum zweiten Mal der „Jane’s Walk“ statt. Jane’s Walks sind von Freiwilligen geführte Spaziergänge, bei denen das Erkunden des eigenen Stadtteils bzw. der Stadt und Gespräche darüber im Vordergrund stehen. Benannt wurden sie nach der Architekturkritikerin und Stadtplanerin Jane Jacobs. Jede_r kann mitmachen! Alle Termine und Infos findet ihr hier.

Die Plattform 20000frauen veranstaltet am 30. Mai eine Feministische Tischgesellschaft auf der Mariahilfer Straße. Ganz unterschiedliche queer-feministische Organisationen/Initiativen werden teilnehmen, eine Anmeldung ist nach wie vor möglich. Die Plattform stellt die Infrastruktur (Tische, Bänke) kostenlos zur Verfügung.

Über die geplante Strafrechtsreform wird medial wieder einmal auf unterstem Niveau debattiert (siehe Pograpschen). Brigitte Hornyik hat für den Frauenring eine fundierte und lesenswerte Stellungnahme verfasst.

Mutterschaft bereuen – eine Studie hat hitzige Debatten ausgelöst, auf Twitter wird unter dem Hashtag #regrettingmotherhood diskutiert. Einen lesenswerten Blogbeitrag dazu gibt es auf dem Blog Aufzehenspitzen.

Kinderarmut ruiniert das ganze Leben – so der Titel eines Berichts über die bedrückenden Fakten in Österreich.

„Wer fleißig ist und hart arbeitet, wird auch reich“ – solche und andere Mythen zerlegt die Website Mythen des Reichtums“ äußerst anschaulich.

Wenn Menschenrechte im Mittelmeer enden„: „Wir müssen uns die Menschenrechte vom Staat zurückholen“, schreibt Ralph Guth auf dem Mosaik-Blog.

„Gestern noch betrauerte die Bundesregierung die hunderten toten Flüchtlinge im Mittelmeer, heute macht sie mit der üblichen Flüchtlingsabwehrpolitik gnadenlos weiter“ – so kommentierte Alev Korun von den Grünen die abermalige Verschärfung des Asylgesetzes in Österreich.

“Just go inside!” – 2 Jahre nach dem Einsturz von Rana Plaza: Charlott auf der Mädchenmannschaft über den Einsturz der Textilfabrik in Bangladesh.

Unfassbarer Artikel auf spiegel.de: „Kritik an Gedenkfeier zur KZ-Befreiung: ‚Dieser Kontrast war beschämend'“.

Nachgelesen – Klassismus

Im feministischen Lesekreis beim Verein Genderraum hatten wir diesmal das Thema Klasse/Klassismus gewählt, die vorläufige Leseliste könnt ihr hier ansehen. (Bitte vormerken! Am 20. Jänner um 19 Uhr diskutieren wir im ChickLit!)

Im Einführungsbuch zu Klassismus von Heike Weinbach und Andreas Kemper bin ich auf das 1985 erschienene „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“ der niederländischen Autorin Anja Meulenbelt gestoßen – und es hat mich sehr beeindruckt. Als Lehrperson in der Ausbildung von Sozialarbeiter_innen hat sie Aussagen ihrer Studentinnen gesammelt und verknüpft diese Zitate im Buch mit ihren Beobachtungen und Theorien. Den Beruf der Sozialarbeiterin beschreibt sie als – historisch gewachsen – für unterschiedliche Klassen in den Niederlanden akzeptabel – dementsprechend vielfältig setzen sich die Studentinnen bezüglich ihrer sozialen Herkunft zusammen.

Ich möchte hier einige Zitate aus dem Buch bzw. dem Kapitel „Klassismus“ mit euch teilen, vielleicht bekommt ihr ja auch Lust, es zu lesen.

„Das Bedürfnis, der ‚Oberen‘, sich von den ‚Unteren‘ zu unterscheiden, besteht weiterhin, auch wenn es sich um stillschweigende Absprachen handelt, über die man nicht allzuviel reden darf. Selbst wenn Leute aus den höheren Klassen ständig betonen, dass es doch äußerst wünschenswert sei, wenn ihre – höhere – Kultur von den Leuten aus den unteren Schichten geteilt werde. Bram de Swaan bemerkte bereits, dass wir die Van-Gogh-Reproduktionen, die ‚Vier Jahreszeiten‘ von Vivaldi und die Tänzerinnen Degas‘ von dem Moment an, da sie zur Kultur der unteren Schichten gehören, nicht mehr in den Häusern der Wohlhabenden finden. Wir können also von ‚fallenden Kulturgütern‚ sprechen: Sobald die Fonduesets nicht mehr nur in denen feineren Läden zu kaufen sind, sondern auch in den Supermärkten, kehrt sich die höhere Klasse von ihnen ab.“

Verinnerlichte Unterdrückung funktioniert also auf verschiedenen Ebenen. Durch einen Mangel an Selbstwertgefühl und Zukunftserwartungen, aber auch durch den Druck, die eigenen Gruppe nicht im Stich zu lassen. Wer in eine höhere gesellschaftliche Funktion aufsteigt, macht das meist auf Kosten des Gefühls, irgendwo zu Hause zu sein. Der Versuch, die alte Herkunft zu verbergen, wirkt oft entfremdend: Zwischen zwei Kulturen zu sitzen und in beiden nicht zu Hause zu sein.“

„Die Kultur der Schule ist eine Mittelschichtkultur. Die Gewohnheiten stammen aus der Mittelschicht, auch der Sprachgebrauch. Viele Kinder aus den unteren Klassen erleben die erste Konfrontation mit ihr als Kulturschock. Wollen sie es schaffen, dann müssen sie sich anpassen. In dem Maße, in dem Kinder sich stärker der Mittelschichtsumgebung angleichen, werden sie auch weniger stigmatisiert. (…) Die Tatsache, dass Kinder aus den unteren Klassen im Verhältnis gesehen in der Schule schlechter abschneiden, wird oft mit der „Spracharmut“ von Arbeiterkindern erklärt. (…) Eine amerikanische Untersuchung zeigt, dass ein Viertel des Wortschatzes von Arbeiterkindern in den am häufigsten gebrauchten Lehrbüchern nicht vorkommt. Kommt ein Kind mit einer vom Standardniederländischen abweichenden Sprache auf die Schule, dann wird ihm nicht nur ein neuer Sprachgebrauch beigebracht, die alte Sprache wird ihm auch weggenommen, Wörter und Ausdrücke sind plötzlich nicht mehr akzeptabel.“

„Wie sehr Klassenstellung und Geschlecht miteinander verwoben sind, wird deutlich, wenn wir die gesellschaftliche Stellung von Frauen betrachten, die sich nicht an die Norm der heterosexuellen Familie halten. (…) Für Frauen aus der Arbeiterklasse bedeutet ohne einen Mann leben zu wollen die Notwendigkeit, ‚höher‘ aufzusteigen. Von den Berufen, die Frauen aus der Arbeiterklasse offenstehen, ist es kaum möglich, selbständig existieren zu können.“

„Ähnliches findet sich auch in politischen Bewegungen und in Gewerkschaften. Formal wird in fast jeder fortschrittlichen Einrichtung die Ideologie herrschen, dass Menschen prinzipiell gleichwertig sind, also auch Frauen. In der Praxis aber zeigt sich, dass die vertretene Ideologie und die tatsächlichen Handlungen in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Auf der einen Seite können Männer ein objektives Interesse daran haben, dass Frauen die gleichen Löhne erhalten wie sie. Für Ehepaare bedeutet das ein besseres gemeinsames Einkommen, ein breiter verteiltes Risiko und mehr Freiheit auch für ihn. Auf der politischen Ebene würde die Gleichheit bedeuten, dass Frauen nicht mehr als Streikbrecherinnen oder als Puffer eingesetzt werden könnten, um auch Männerlöhne niedrig zu halten. Aber diese objektiven Interessen verschwinden oft zugunsten der subjektiven Interessen der Männer. Der psychologische Vorteil der ständigen Verfügbarkeit und Unterordnung von Frauen, zu Hause wie auch bei der Arbeit, wiegt stärker. (…) Sich als Mann Frauen überlegen fühlen zu können, macht die eigene Unterdrückung erträglicher.“

 

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In der neuen Ausgabe der an.schläge haben wir ein schwieriges Thema bearbeitet: Suizid und Geschlecht. Ein spannendes Interview mit Eva Eichinger gibt es online zu lesen, für den Rest zahlt sich kaufen oder abonnieren aus. Ich habe in dieser Ausgabe außerdem Ex-ÖGB-Frauenvorsitzende Irmgard Schmidleithner zur SPÖ-Frauenpolitik interviewt.

Auf Migrazine.at gibt es im Rahmen des Klassismus-Schwerpunkt gemeinsam mit den an.schlägen einige lesenswerte Artikel, die nicht in den an.schlägen erschienen sind, z.B. ein Interview mit den LesMigraS und einen Text über die Hauptschule als Ort der Verachtung.

Die „Feministischen Studien“ haben ab sofort ein eigenes Blog! Ich habe mich noch nicht eingelesen – aber meine Erwartungen sind bereits hoch.

Für alle Leser_innen in Deutschland: Magda von der Mädchenmannschaft reist mit dem Vortrag „Mein Fett ist Politisch“ und einem Fat Empowerment Workshop durch mehrere Städte. Die Termine findet ihr hier.

Am 22. November findet die dritte Frauenenquete der Plattform 20000frauen gemeinsam mit der Frauenministerin statt. Diesmal nennt sie sich „Frauen.Bilden.Kritik“ und widmet sich der feministischen Bildung. Schnell anmelden, die Plätze sind beschränkt!

Ab 7. November startet in der Wiener Frauenhetz eine Vortragsreihe gemeinsam mit dem Verein österr. Juristinnen unter dem Titel „Frauen – Recht – Gerechtigkeit„, unter anderem wird Elisabeth Holzleithner zum Thema „Recht queer? Juristische Geschlechterdiskurse zwischen Normalisierung und Subversion“ sprechen, am 27. November ist Ute Gerhard zu Gast.

Der Österreichische Frauenring hat eine neu gestaltete Website – im Veranstaltungskalender sind viele interessante Veranstaltungen in ganz Österreich zu finden!

Berivan Aslan, Frauensprecherin der Grünen, hat kurdische Gebiete an der Grenze zu Syrien besucht. Laufend Neuigkeiten gibt es auf ihrem Twitter-Account.

Frauen- und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek macht sich für eine Neugestaltung der Sexualerziehung stark.

Alleinerziehende Mütter sind in Österreich besonders armutsgefährdet. Das ist lange bekannt, die politischen Konzepte – oder viel mehr Taten – fehlen leider nach wie vor. Auch in Deutschland sind laut aktueller Statistik Frauen, Alleinerziehende, Alleinlebende und Arbeitslose besonders armutsgefährdet.

24-Stunden-Betreuung

Ich freue mich, euch wieder einmal eine Diplomarbeit vorstellen zu können: Anna Fox hat ihr Studium der Internationalen Entwicklung mit einer Forschungsarbeit über transnationale Care-Migrantinnen aus der Slowakei, die in Österreich arbeiten, abgeschlossen. Sie lebt aktuell in Wien und hat außerdem Slawistik studiert.

Was ist das Thema deiner Arbeit?

Die Pflege und Betreuung älterer Menschen ist eine Thematik, die im Zuge gegenwärtiger demographischer Entwicklungen zunehmend an Relevanz gewinnt. Eine Möglichkeit, auf den steigenden Bedarf in diesem Bereich zu antworten, ist die 24-Stunden-Betreuung im häuslichen Rahmen. Seit Beginn der 1990er Jahre wird in Österreich auf diese Option zunehmend zurückgegriffen, wobei die Betreuungskräfte, die in diesem Bereich tätig sind, v.a. aus den neuen EU-Ländern und in erster Linie aus der Slowakei kommen. Da diese Form von Arbeitsverhältnis für eine überwiegende Mehrheit der Beschäftigten mit einer regelmäßigen Abwesenheit von ihrem Herkunftskontext einhergeht, ist davon auszugehen, dass dort Auswirkungen auf persönliche Lebenswelten und insbesondere auf die Beziehungspflege und die Organisation von Fürsorgearbeit im Haushalt und im familiären Umfeld bemerkbar sind.

Meine Diplomarbeit zielt darauf ab, zu verstehen, wie die Arbeits- und Lebensrealitäten von Personenbetreuerinnen in Österreich mit jenen in ihrem Herkunftskontext (eingeschränkt auf die Slowakei) interagieren und wie die Veränderungen, die so zustande kommen, von ihnen wahrgenommen werden.

Was sind deine zentralen Fragestellungen?

Im spezifischen untersucht meine Diplomarbeit die Frage, wie sich die persönlichen Lebenswelten von in Österreich tätigen Betreuungskräften in der 24-Stunden-Betreuung mit Herkunftsland Slowakei durch die zirkuläre Arbeitsmigration (meisten in 14-tägigen Abständen), die mit ihrer Beschäftigung einhergeht, allgemein und insbesondere in Bezug auf ihre soziale Einbettung, Fürsorge-Arrangements und die geschlechterspezifische Arbeitsteilung im eigenen Haushalt sowie im familiären Umfeld verändern.

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Dynamisch, flexibel, belastbar

Dieser Artikel ist bereits in der März-Ausgabe der an.schläge erschienen.

Bettina Haidinger und Käthe Knittler verknüpfen in ihrem Einführungsband in die feministische Ökonomie ökonomisches Basiswissen mit emanzipatorischen politischen Forderungen.

Auf dem „wirtschaftspolitischen Datenblatt“, das auf der Website des österreichischen Wirtschaftsministeriums heruntergeladen werden kann, reihen sich Zahlenkolonnen und Kurven feinsäuberlich aneinander. Investitionsbestände und Abgabenquoten können dort nachgelesen werden, Wirtschaftspolitik lässt sich in Formeln fassen, so der Eindruck. Ökonomie als Formalwissenschaft, die sich komplexer mathematischer und statistischer Methoden bedient, ist jedoch eine historisch junge Erscheinung: Im Zuge der Ablösung der Klassik durch die Neoklassik gegen Ende des 19. Jahrhunderts trat der „homo oeconomicus“ auf die Bühne: das rationale, unabhängige und geschichtslose Individuum, stets darauf bedacht, seinen Nutzen zu maximieren.

It’s all about the money. Welche Folgen dieser Wandel nach sich zog, skizzieren Bettina Haidinger und Käthe Knittler in ihrer Einführung in die Entwicklung und Strategien der feministischen Ökonomie. In neun thematisch gegliederten Kapiteln zeichnen sie kontroverse (innerfeministische) Debatten um ausgeblendete Macht- und Ausbeutungsstrukturen nach. Denn die systemerhaltende unbezahlte Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, findet meist keinen Eingang in wirtschaftliche Kennzahlen, in den Mainstream der Volkswirtschaftslehre. Diesem Umstand setzen feministische Ökonominnen seit vielen Jahrzehnten (mehr oder weniger erfolgreich) Initiativen entgegen, um die „blinden Flecken“ der Ökonomie aufzudecken und sich gegen die Trennung in Markt und Privathaushalt zu stellen. Am Beginn ihres Buches widmen die Autorinnen Pionierinnen der Ökonomie ein Kapitel, so etwa Harriet Taylor Mill und der Österreicherin Käthe Leichter, die bereits in den 1930er Jahren Reproduktionsarbeit und Freizeit – und nicht nur Lohnarbeit – in ihren empirischen Studien berücksichtigte.

X mal 100 = Ausbeutung. Mittlerweile – wenn auch nicht in allen Bereichen – gibt es differenzierte Statistiken zur Lohnschere, Zeitbudgetstudien und andere Untersuchungen, die Diskriminierungen sichtbar machen und damit die notwendige quantitative Basis für die Arbeit feministischer/kritischer Ökonom_innen. Doch das umfangreiche Zahlenmaterial ist ambivalent zu sehen, wie Haidinger und Knittler schildern. Nicht nur wird in (durchaus sinnvollen) statistischen Erhebungen entlang der Kategorisierung in Männer und Frauen Zweigeschlechtlichkeit reproduziert und einzementiert, auch werden komplexe Macht- und Abhängigkeitsstrukturen vielfach nicht erfasst bzw. weiter erforscht. „Das Patriarchat ist keine auf Zahlen basierende Formel“, bringen es die Autorinnen auf den Punkt. Auch die Debatte rund um Care-Ökonomie und den Care-Begriff und die Haushaltsarbeitsdebatte der 70er-Jahre zeichnen Haidinger und Knittler ausführlich nach, im Kapitel „Makroökonomie und Geschlechterverhältnisse“ werden volkswirtschaftliche Grundbegriffe bzw. -probleme knapp erklärt.

Empört euch! Den Autorinnen gelingt es, mithilfe von inhaltlichen und historischen Querverweisen eindrücklich darzustellen, dass Wirtschaft bzw. Kapitalismus keine ahistorische Gegebenheit, sondern ein von Menschen gestaltetes politisches Feld ist. Und, dass es dringend feministische Aufmerksamkeit für ökonomische Fragestellungen braucht. Schließlich ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die Ökonomie angesichts eines kulturwissenschaftlichen Fokus an den Rand gedrängt worden, auch sind „unheilige Allianzen“ zwischen neoliberalen und feministischen Ideen auszumachen. Im modernen Kapitalismus werden Frauen im Namen der Gleichstellungspolitik – egal unter welchen Bedingungen – für den Arbeitsmarkt verfügbar gemacht und im Bereich der Reproduktionsarbeit neue globale Ungleichheitsachsen verfestigt. Die Erwerbsarbeit hat nicht die erhoffte Befreiung gebracht: Frauen, Migrant_innen arbeiten dort, wo besonders niedrige Löhne gezahlt und prekarisierte Bedingungen vorzufinden sind. Zeit, konkrete Utopien zu entwerfen – bei Haidinger und Knittler sind sie postpatriarchal und postkapitalistisch.

Cover: Feministische Ökonomie

Bettina Heidinger und Käthe Knittler: Feministische Ökonomie, Mandelbaum Verlag 2013