Play Gender

Ich habe auf diesem Blog schon lange kein Buch mehr vorgestellt – ein Rezensionsexemplar, das vor Kurzem bei mir gelandet ist, bietet mal wieder die Gelegenheit dazu. Aus Gründen der Transparenz muss gesagt werden, dass die Herausgeberin meine an.schläge-Kollegin Fiona Sara Schmidt ist, dennoch wird meine Besprechung keine gefärbte sein (Meine Voreingenommenheit beschränkt sich darauf, dass ich Sara als eine kluge Journalistin/Literaturwissenschafterin und eine absolute Pop/Kultur-Auskennerin schätze).

„Play Gender“ ist im Sommer beim deutschen Ventil Verlag (Hg. v. Fiona Sara Schmidt, Torsten Nagel und Jonas Engelmann) erschienen, hier ein kleiner Auszug aus dem Pressetext zum Sammelband: „Was passiert, wenn Theorie auf popkulturellen Alltag trifft? Wenn linke Aktivist_innen sich mit Feminismus und Queer Theory auseinandersetzen? Wie können feministische Konzepte in der Praxis genutzt werden – beim Veranstalten von Konzerten, dem Dreh emanzipatorischer Filme, der Organisation von Partys oder im Alltag?
»Play Gender« stellt aktivistische, (queer-)feministische Ansätze und Interventionen im popkulturellen und im politischen Feld vor“.

Das Buch bietet also einen Mix aus ganz unterschiedlichen Texten: mehr und weniger bekannte Musikerinnen berichten in Kurzinterviews über ihr (Arbeits-)Leben und ihre queer-feministischen Positionen, Aktivist_innen reflektieren ihr eigenes politisches Tun, Autor_innen beleuchten Felder der Kulturarbeit und des Zusammenspiels von Theorie und Praxis. (Warum „Feminismus“ und „Linke Praxis“ zwei getrennte Kapitel sind, ist mir nicht ganz klar geworden.)

Ganz grundsätzlich bin ich mittlerweile keine Freundin von Sammelbänden mehr, da sie oft etwas versprechen, das dann nicht eingelöst wird und die Texte kaum in einem Zusammenhang stehen. „Play Gender“ hat mir dennoch viel Freude gemacht: Die Vielfalt der Texte und Zugangsweisen wird auf den ersten Blick deutlich, der transparent gemachte persönliche Zugang der Autor_innen zu ihrem Thema sowie das Einflechten biografischer Bezüge zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die einzelnen Texte ergänzen sich nicht nur, sie widersprechen sich zum Teil auch – was  die Lektüre noch reizvoller macht.

In Sachen Kulturarbeit liegt der Schwerpunkt klar auf dem Musikbusiness, was meinem persönlichen Interesse durchaus entgegenkommt. Und in kaum einem anderen Feld tut sich wohl eine derartige Widersprüchlichkeit auf, was Geschlechterverhältnisse betrifft: Frauen* dominieren als internationale gefeierte Stars das Pop-Business, zugleich wird ein Mädchen, das zu Schlagzeug oder E-Gitarre greift, noch immer schief angeschaut. „Während meiner musikalischen Laufbahn als Schlagzeugerin haben Tontechniker überrascht reagiert als sich herausstellte, dass ich weder Sängerin noch Keyboarderin, sondern Schlagzeugerin bin“, berichtet beispielsweise Laura Landergott (Ja, Panik).

Die in feministischen Kreisen vermutlich vielen bekannte Sarah Diehl erzählt in ihrem unglaublich spannenden Text von der Geschichte ihres Pro-Choice-Aktivismus und dem Filmemachen und legt dabei offen, wie sie das Ganze (z.B. einen in zwei Ländern gedrehten Dokumentarfilm über den Schwangerschaftsabbruch) überhaupt finanzieren konnte. Meine ehemalige an.schläge-Kollegin und jetzige Missy-Redakteurin Vina Yun bietet ihn ihrem Beitrag „Crying at the Discoteque. Alternativen zum Status quo der Clubkultur“ wie gewohnt eine messerscharfe und kluge Analyse, ein ordentliches Paket an Vorwissen in Sachen Subkultur, elektronischer Musik und Cultural Studies wäre aber ganz nützlich für das Verständnis des Textes (Ich gebe zu, ich bin nicht gerade Expertin in Sachen Pop- und Clubkultur, ich stehe da eher am anderen Ende des Spektrums). Sookee arbeitet sich indes an der „heterosexistischen Kackscheiße im Rap“ ab und bringt auf nur vier Seiten treffend die Problematik rund um die sogenannten „Rüpel-Rapper“ auf den Punkt.

In Sachen Aktivismus finden sich mehrere äußerst lesenswerte Texte im Sammelband, etwa „Slutwalk – keine Angst, keine Schuld, keine Scham“ von Ina Klären und Anne-Carina Lischewski. Politische Projekte zu dokumentieren und rückblickend zu reflektieren finde ich gerade im feministischen Kontext eine ganz zentrale Aufgabe – feministische Geschichtsschreibung lebt mit wenigen Ausnahmen immerhin nach wie vor von ehrenamtlichem Engagement, kleinen Archiven und alternativen Verlagen, Blogger_innen und feministischen Alternativmedien. In „Play Gender“ sind es hauptsächlich in Deutschland verortete Intiativen, die mit einem Beitrag vertreten sind, unter anderem linksradikale Gruppierungen, deren positive Bezugnahme auf militante Aktionen Widerspruch gebraucht hätte. Eine Ausnahme ist das Wiener Kollektiv _tastique, das über ihr „Nach dem Ladyfest“-Festival berichtet. (Übrigens bemerkenswert, dass bei diesem theoretisch gut unterfütterten Projekt Klasse/Klassismus scheinbar überhaupt keine Rolle spielte).

Auch Männerbewegungen sind Teil des Feminismus-Kapitels, Andreas Kemper liefert eine Geschichte der profeministischen Männerbewegung, ein bereits 2010 geführtes Interview mit dem Soziologen Sebastian Scheele ist nach wie vor brandaktuell (und wie ich finde hätte man nicht besser auf die teilweise seltsamen Fragen antworten können). In Sachen Netzfeminismus hätte ich mir mehr erwartet, der einzige (kurze) Beitrag dazu im Buch bietet nur einen sehr allgemein gehaltenen Überblick über Facetten des Themas.

Und dann wäre da noch ein Beitrag zu „(Queer-)Feminismus und Universitätsbetrieb“, auf den ich mich sehr gefreut habe – und der mich leider enttäuscht hat. Als Person, die zunehmend selbst immer größere Probleme mit dem (klassistischen) Uni-Betrieb und seinen spezifischen ungeschriebenen Gesetzen hat (in den Gender Studies schaut das auch nicht wirklich anders aus), bin ich stets auf der Suche nach kritischen Betrachtungen von „innen“. Vojin Saša Vukadinović schießt mit seiner Kritik an den Gender Studies aber weit über das Ziel hinaus und reiht sich fast schon in den Kanon jener ein, die den Gender Studies die Wissenschaftlichkeit gänzlich absprechen.

Zusammengefasst bleibt nur zu sagen: Nehmt das Buch in die Hand!

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PS. Eine gute Alternative zu Amazon ist euer Buchladen um die Ecke, besonders der feministische Buchladen! (Wien: ChickLit)

 

Reverse Racism

Dieses Video poste ich bei Gelegenheit immer wieder auf Twitter oder Facebook – gerade ist mir aufgefallen, dass es auf meinem Blog fehlt! Deshalb hole ich das jetzt nach: Gibt es Reverse Racism – also umgekehrten Rassismus gegen Weiße? Ja, sagt der australische Comedian Aamer Rahman und bringt es sehr gut auf den Punkt:

Legal, illegal

Dieser Text in der Ausgabe VII/2015 der an.schläge erschienen. 

Kaum ein kulturpolitisches Thema wird so emotional diskutiert wie das Urheberrecht. Der Schutz geistigen Eigentums gibt einen Einblick in ökonomische und vergeschlechtlichte Strukturen der Musikwirtschaft.

Am 1. Oktober ist in Österreich eine Regelung in Kraft getreten, deren vorangegangene Diskussion die Filmemacherin Eva Spreitzhofer („Kunst hat Recht“) als „Vorhölle“ bezeichnet. Die neue Urheberrechtsabgabe, genannt Festplattenabgabe, bleibt auch nach ihrer Einführung höchst umstritten. Sie umfasst nun Speichermedien aller Art – neben PCs und Handys etwa auch digitale Bilderrahmen – und soll heimischen Künstler_innen bzw. deren Verwertungsgesellschaften zugute kommen. Konsument_innen werden zur Kasse gebeten, da sie auf ihren Festplatten Kopien von urheberrechtlich geschützten Werken gespeichert haben (könnten). Musik, die früher auf das Mixtape oder den CD-Rohling kopiert und durch die Leerkassettenabgabe besteuert wurde, befindet sich heute – so sie nicht längst per Streaming-Dienst konsumiert wird – überwiegend auf dem Notebook oder dem MP3-Player. Was die einen als angemessene Kompensation für Künstler_innen im digitalen Zeitalter sehen, verurteilen andere als realitätsferne und wenig treffsichere Strafsteuer. „Die Diskussion wurde von allen Seiten immer schon sehr emotional geführt“, erzählt Elisabeth Hakel, die als Kunst- und Kultursprecherin der SPÖ die Urheberrechtsnovelle mitverhandelt hat. „Es hat lange keine Einigung gegeben, weil die Meinungen extrem auseinandergegangen sind.“

„Scheiß-Internet“. Auf Seiten der Künstler_innen ist es die Initiative „Kunst hat Recht“, die auf ein rigides Urheber_innenrecht beharrt und vielen Netzaktivist_innen als Feindbild gilt. Die „Initiative für das Recht auf geistiges Eigentum“, der etwa Anja Plaschg (Soap&Skin) und Hubert von Goisern angehören, kritisiert „den Trend zur Gratiskultur“ im Internetzeitalter und spricht gar von einer Enteignung der Kunstschaffenden. 2013 wurde „Kunst hat Recht“ mit dem Schmähpreis „Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten“ ausgezeichnet – eine Erfindung des Künstler_innenkollektivs Monochrom. Wolfgang Lorenz, ehemaliger Programmdirektor des ORF, sprach bei einer Podiumsdiskussion 2008 vom „Scheiß-Internet“, in das sich junge Menschen „verkriechen“ würden, und wurde damit zur Symbolfigur für Kulturpessimismus und Internetskepsis. Auch der Musikindustrie, allen voran den Major Labels, wird nachgesagt, das Internet mit all seinen Möglichkeiten für die Nutzer_innen ausschließlich als Bedrohung wahrzunehmen. Tatsächlich sind die Umsätze der globalen Musikindustrie ab dem Jahr 1999 massiv eingebrochen. Während 1999 weltweit noch 26,6 Milliarden US-Dollar umgesetzt wurden, waren es 2014 nur noch knapp 15 Milliarden. Bereits 1980 befürchtete die British Phonographic Industry den Zusammenbruch des Tonträgermarkts aufgrund privater Aufnahmen mit Kassettenrecordern und rief die Kampagne „Home Taping Is Killing Music“ aus, doch die 1990er-Jahre sollten das goldene Zeitalter der Schallplattenindustrie werden. Künstler_innen können heute nicht mehr an die Verkaufszahlen jener Zeit anschließen. So ist es wenig verwunderlich, dass die Liste der weltweit meistverkauften Alben Künstler_innen wie Michael Jackson und Whitney Houston anführen, selbst die Spice Girls liegen deutlich vor Adele oder Britney Spears.

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Dirty Dancing

„Dirty Dancing“ feiert seinen 25. Geburtstag. Habt ihr euch schon einmal gefragt, was der Film mit Feminismus zu tun hat? Als ich mir den Klassiker mit 14 das erste Mal angesehen habe, habe ich mir diese Frage nicht gestellt. Aber irgendwie hatte ich schon immer das Gefühl, dass da etwas anders ist und „Dirty Dancing“ sich von den üblichen Hetero-Hollywood-Schnulzen abhebt.

Pia Reisinger (FM4) und Julia Pühringer (Tele) haben den Film analysiert und erklären, warum „Dirty Dancing“ nicht nur ein öder Tanzfilm ist. „Dirty Dancing ist ein Glücksfall für eine ganze Generation von jungen Frauen, sage ich“, schreibt Julia Pühringer. Was meint ihr?

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Am 5. November findet die 2. Enquete der 20000frauen statt – diesmal zum Thema „Frauen.Körper.Politik„. Das Programm ist äußerst spannend, nachdem die Plätze begrenzt sind, solltet ihr euch möglichst bald per Mail anmelden. (Programm als PDF)

In Österreich sorgt Christine Bauer-Jelinek derzeit für Aufregung. Sie hat das Buch „Der falsche Feind“ veröffentlicht und beklagt unter anderem die angebliche Verdrängung der Männer. In einem Kommentar in der Presse schreibt sie: „Heute gehört die Wohnung der Frau. Obwohl jedes Kind Anspruch auf ein eigenes Zimmer hat, kann der Mann oft nicht einmal eine Ecke für sich allein nutzen; da gibt es keinen fixen Platz am Tisch, oft nicht einmal einen Fernsehsessel.“ Was meint ihr – was braucht es angesichts dessen? Parodie, Protest – oder sollte mensch die Autorin einfach ignorieren?

Am Wochenende sind in Wien KindergartenpädagogInnen auf die Straße gegangen, um gegen die herrschenden Arbeitsbedingungen zu protestieren. Einen Bericht darüber gibt es auf diestandard.at.

Auf migrazine.at gibt es aktuell einen Schwerpunkt zu Roma & Selbstorganisierung. „Unter der politischen Bezeichnung ‚Roma‘ organisieren sich Roma, Sinti, Jenische, Kalé, Lavara u. a. in verschiedenen Gruppen und kämpfen für ihre Rechte. Denn obwohl sie seit fünf Jahrhunderten in Europa ansässig sind, müssen sie nach wie vor als Projektionsfläche für rassistische Fremdbilder herhalten.“

Wer nicht an der FrauenSommerUni Wien teilnehmen konnte oder einen Vortrag/Workshop verpasst hat, kann hier die Video-Mitschnitte einzelner Beiträge ansehen.

Nachdem die amerikanische Nachrichtensprecherin Jennifer Livingston von einem Zuseher aufgrund ihres Körpergewichts als „schlechtes Vorbild“ bezeichnet worden war, entgegnete sie ihm mit diesem inspirierenden Kommentar: (Magda von der Mädchenmannschaft erklärt hier, welche Aspekte sie trotzdem problematisch findet)

Die neuen an.schläge sind da! Schwerpunkt-Thema diesmal: „Armut„. (z.B.: Interview mit Luce Irigaray)

Lady Bitch Ray ist zurück – Biber hat die Künstlerin interviewt.

Ein spannendes Interview mit der Gebärdensprachdolmetscherin Elke Schaumberger ist auf dastandard.at zu lesen.

Aktuell im Kino: Die Verfilmung des großartigen Romans „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Vina Yun hat den Film auf diestandard.at rezensiert.

Fernseher kaputt hat einen Text über Stermann und Grissemann und ihre sexistischen/rassistischen/antisemitischen Tabubrüche veröffentlicht: „Willkommen Pseudotabubruch

Filmtipps: Dokumentationen

verliebt,  verzopft, verwegen – Geschichten lesbischer (Un)Sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre“ ist bereits 2009 erschienen und auf verschiedenen Festivals gelaufen. Wer die Dokumentation von Katharina Lampert und Cordula Thym noch nicht gesehen hat, kann sich die DVD zum Beispiel hier und vermutlich auch hier besorgen. Dringende Empfehlung!

Im November startet „Oh Yeah, She Performs“ in den österreichischen Kinos. Ich habe den Film noch nicht gesehen, finde das Konzept aber spannend und werde auf jeden Fall hingehen. „Nervosität back-stage, Adrenalin on-stage, Band-Alltag off-stage. Vier junge Frauen, die ein Traum verbindet: eigene Musik zu komponieren, zu produzieren und davon leben zu können, ohne Kompromisse! Gustav, Clara Luzia, Teresa Rotschopf und Luise Pop auf ihrem Weg durch die Höhen und Tiefen eines selbstbestimmten Lebenstraumes. Ein Musikerinnenfilm.“

Update 30.09.: Warum der Film mit Vorsicht zu genießen ist, könnt ihr in der Oktober-Ausgabe der an.schläge nachlesen.

Links: Film-Websites „verliebt, verzopft, verwegen“ + „Oh Yeah, She Performs